Anhang KF – merkwürdig…

„Ich hatte keine Zeit, einen kurzen Brief zu schreiben, also schrieb ich stattdessen einen langen.“

– Mark Twain

Hallo zusammen,

Mein persönlicher Anhang KF soll ein Streifzug durch die merkwürdige (engl. weird) Fantasy werden. Sie liegt mir sehr am Herzen und hat mich ästhetisch und narratorisch sehr geprägt. Merk-würdig meint dabei einerseits unerwartet und andererseits eindrücklich. Gleichzeitig gehört für mich zu Fantasy eine Fremdartigkeit dazu, die mich aus dem Bekannten in das Unbekannte, in die Fantasie hineinzieht.


Terry Pratchett
fehlt leider in meiner Auflistung, obwohl ich ein riesiger Fan seiner Arbeit bin. Die Scheibenwelt-Romane sind voller unerwarteter und eindrücklicher, aber leider nicht fremdartiger Momente. Im Gegenteil, es werden moderne Phänomene (Papiergeld, Fotografie, familiäre Rollenbilder der Industriegesellschaft) in eine Fantasywelt gebracht und dort neu verhandelt. Diese neuen Perspektiven sind erhellend, somit auch Kunst, aber nach meiner Definition nicht merkwürdige Fantasy. Die Bücher sind fantastisch, die Hörbücher sind wegen der hochkarätigen Sprecher sogar noch besser.


Dark Projekt: Der Meisterdieb

Das Computerspiel aus dem Jahr 1999 gilt völlig zurecht als sehr atmosphärisch. Als kleiner Junge habe ich ehrfurchtsvoll meinem älteren Freund beim Schleichen durch die Steampunkwelt zugeschaut. Aber als ich mir die CD-ROM dann selbst gekauft habe, bin ich nicht weiter als bis zum 2. Level gekommen.

Atmosphärisch eine großartige Inspiration für Blades in the Dark, Gassenhunde und düstere Stadtsettings generell. Weltenbauerinnen und Mythenmetze bekommen hier eine Sekte vorgesetzt, die Regierung, Industrie und Militär gleichzeitig ist und einen eldritch1 Antagonisten, der nicht nur einen guten Auftritt bekommt, sondern auch noch ein unzuverlässiger Erzähler der Welten-Lore ist. Ziemlich cool, aber auch im besten Sinne weird.

Das Spiel ist häufig für unter 2€ im Sale und für Leute wie mich gibt es auch gute Longplays auf Youtube.

Lord Dunsany: Gods of Pegana

Apropos Weltenbau! Fantasy Mythologie ist nicht leicht. Zum Glück hat Lord Dunsany bereits ein sehr merk-würdiges Pantheon entworfen. Er vereint Verspieltes mit Ernstem und zeigt, dass Mythologie selbst merkwürdig ist. Die Götter von Pegana sind extrem spezifisch2 und stehen größtenteils für sich allein und doch gibt es einen epischen Rahmen, der sich von der Erschaffung der Götter bis zur Apokalypse spannt. Wie auch in echten Religionen ist nicht immer alles logisch, konsistent oder vollständig. Manchmal ist es albern, manchmal übertrieben pathetisch und meistens faszinierend zu Betrachten. Dabei bleibt der Ton aber immer ernst und feierlich. Und das macht den Reiz aus. Die Götter von Pegana fühlen sich für mich sehr organisch an. Das Faerunische Pantheon, wo je nach Abenteuer immer die benötigten Götter aus dem Hintern gezogen werden, die Zwölfe, die gleichmäßig alle Domänen abdecken und sehr gut in die götterförmigen Lücken von Aventurien passen, wirken auf mich eher planvoll und damit etwas „konstruiert“.


Die originale Erzählung ist auf Englisch in der Public Domain. Eine deutsche Übersetzung gibt es im Moment nur antiquarisch (aber günstig).

Paolo Bacigalupi: Biokrieg

Kurzes Geständnis: Ich mag Cyberpunk. Shadowrun war mein erstes richtiges Rollenspiel und ich habe meine erste eigene Kampagne in Hong Kong 2075 geleitet. Die Welt ist cool und wer sich ein Bild machen möchte, findet auf dem Blog von Andreas „Aas“ Schroth einen tollen Einstig in das „aktuelle“ Berlin-Setting von Shadowrun.

‚Aber bis auf die Magie ist Shadowrun nicht besonders merkwürdig. Bacigalupi hingegen entwirft eine spannende nahe Zukunft. Ja es gibt Konzerne und ja die Technik hat sich weiter entwickelt, aber anders als bei William Gibson oder Philip K. Dick.
Wegen der Klima-Katastrophe ist das Verbrennen von fossilen Energieträgern jetzt ein Luxus geworden, den nur Konzerne und Regierungen nutzen und verteilen dürfen. Statt Elektrizität treibt mechanische Kraft die in Sprungfedern gespeichert wird die Gesellschaft an. Strom können einfache Menschen nur durch Kurbeln erzeugen und die Herstellung und das Spannen von Federn aus Superpolymeren ist das lukrativste Geschäft des Planeten.

Zusätzlich erinnert mich der Schauplatz Thailand auch daran, dass Konzernagenten und freie Profis nicht immer nur vor Wolkenkratzer-Kulissen und in 80er-Jahre Klischees arbeiten müssen, sondern auch in einer lebendigen Welt, die aus der heutigen gewachsen ist. Kultur findet man in Biokrieg als etwas Beständiges, das sich an neue Gegebenheiten anpassen kann und im Leben der Bewohner eine große Rolle spielt.

Biokrieg ist darüber hinaus auch ein elegant geschriebener moderner Thriller. Ich empfehle das Buch uneingeschränkt.

China Miéville: Perdido Street Station

Ich mag nicht nur Cyberpunk, ich mag eigentlich alle …-punk Genres. Ob Miéville nun Steampunk oder Clockpunk schreibt, ist eigentlich nicht wichtig. Mir gefällt an Perdido Street Station, wie er mühelos Steampunk mit Eldritch-Horror verheiratet. Anders als im Cthulhu-Mythos werden hier die merk-würdigen Tatsachen nicht geleugnet, um bei Verstand zu bleiben. Miéville fragt aktiv, wie eine Welt mit solchen Furchtbarkeiten umgehen würde. Seine Antwort finde ich dabei überzeugend: Die Welt wird sich anpassen.

Diese merkwürdigen Tatsachen begegnen uns in Form der Bewohner der Stadt New Crobuzon. Kaktusleute etwa sind nicht bloße „Pflanzenmenschen“, die nicht essen müssen und eine Extraportion Chlorophyll unter der Haut haben. Sie müssen sich regelmäßig die Stacheln abrasieren, damit sie in einer Gesellschaft die voller Kleidung ist, nicht überall hängen bleiben. Außerdem verhindert ihre Fotosynthese, dass sie in normalen Wohnungen ohne viel Sonnenlicht leben. Den fremdartigen Khepri kann ich an dieser Stelle leider nicht gerecht werden, das müsst ihr selber lesen. Miéville konstruiert glaubhaft Unterschiede zwischen den Spezies, auf die ich vorher nicht gekommen wäre, die aber im Nachhinein vollkommen Sinn ergeben.

Perdido Street Station hat merk-würdige Spezies und eine tolle Karte, welche sich bei genauer Betrachtung sehr an der Londoner Underground und Overground orientiert. Der Erzählstil ist zwar poetisch, jedoch nicht sehr zugänglich und das Buch ist verdammt dick. Trotzdem ist es eines meiner Lieblingsbücher und wem so etwas zusagt, der wird hier eine spannende Leseerfahrung haben.

Also vielleicht eher was für Hörbuchfans oder Leute mit merk-würdigem Geschmack.

Danke fürs Lesen!

– jakob

  1. „eldritch“ meint hier ein uraltes Böses, das schon vor den Menschen existierte. ↩︎
  2. Neben dem epischen „Eye in the Waste“ gibt es auch die kleinen Götter, die Katzen streicheln, Hunde beruhigen oder die Herrschaft über Hausstaub haben. Mein Lieblingsgott bleibt jedoch der oder die Alte Grinbaun, verantwortlich dafür, das Holz im Ofen in Asche zu verwandeln. ↩︎

Veröffentlicht von jakob

schreibt auf kritischer-fehlschlag.de

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