Eine dunkle Etage, Krankheit und Elend, draußen ein endloses Grau an Regen und Graupel. Im Hintergrund das künstliche Rauschen eines Recorders, erbärmlich bemüht, dass Rauschen des Meeres zu imitieren…
Mein Alltag gerade mit kranker Familie und Baby. Die Szenerie könnte aber auch in abgewandelter Form im Seattle der 2050er Jahre spielen.
Chummers, was für eine Herleitung! Eure Visagen sagen es mir eindeutig, CyB3rR@t hat es noch drauf!
Shadowrun war in letzter Zeit wieder häufiger Thema, ob bei Seba oder im Discord. Ein Herzensthema auch bei mir. Und während die Familie dahinsiecht und ich mit der Babytrage meine Kreise ziehe, wandern auch meine Gedanken zu Shadowrun. Wohlwissend, dass eine Kampagne in weiter Ferne liegt.
Hier geht es eher um eine lose Gedankensammlung, weniger um ein stringentes Konzept oder so. Ich bin großer Fan von Shadowrun 2.01, weniger wegen der Regeln, aber der Style und die Welt haben mich fest im Griff.
Dunkelzahns Super Tuesday, Universelle Bruderschaft, Bug City, Seattle, Renraku Arkology, der Konzernkrieg, Asphaltdschungel – alleine diese Namen und Begriffe lassen so viele Filme durch meinen Kopf rasen – Michael Bay würde vor Neid erblassen.
Dabei ist Shadowrun ein Spiel, welches in meinen Augen oft völlig mißverstanden wird und mißverstanden werden möchte. Denn sowohl die Regeln, als auch die meisten Module die ich kenne, vermitteln eine Spielkultur, die sich am Tisch einfach nicht gut und sauber darstellen lässt.
Shadowrun® ≠ Shadowrun
Was will ich damit sagen? Wenn ihr Shadowrun erleben wollt, nehmt am besten gar nicht erst die Regeln as written! Das ist Konzernpropaganda vom Feinsten! Lowyr hätte es nicht besser arrangieren können, dieser hinterhältige Wurm! Meine schönsten Erlebnisse in der 6. Welt hatte ich entweder mit einem reduzierten W6-Poolsystem oder mit einem phantastischen FFG Star Wars – Hack. Die alten Publikationen liebe ich hauptsächlich wegen der Ideen, der Schreibe und des Artworks wegen. Alles was Regeln angeht, kann ich getrost den Crittern geben.
Matrix, Magie, Motoren, Müll
Gehen ein Decker, ein Magier und ein Rigger auf ’nen Run…
Lasst es euch von CyB3rR@t sagen: so fangen nicht nur saumäßig viele Witze an – mit dieser Konstellation stirbt jedes Mal eine Spielleitung auf dieser Welt. Die Narration von Shadowrun-Romanen und -regelwerken / -quellenbüchern versprechen eine Action die es so nur selten geben wird. Zumindest musste ich einiges anders machen, um in meiner Spielpraxis dennoch Spaß zu haben.
Ich habe früher leidenschaftlich Rigger gespielt. Schwieriges Thema, ein Feld voller Tränen. Die Beweggründe ganz klar: Sicherheit geht vor- das fliegende / rollende/ fahrende/ rauchende Auge sieht alles. Und für alles andere hat man seine treue Dobermann-Drohne samt Maschinengewehr und Explosivgeschossen. Ich verwaltete eine Ein-Mann-Armee, die mir Stück für Stück unter dem Arsch weg geschossen wurde. Ein sinnfreies Minispiel für mich und die Spielleitung. Dabei steht mein Rigger hier nur Pate für das typische Shadowrun-Spiel auf mehreren Ebenen.
Matrix, Magie, Rigger. Allesamt können sie den Spielfluss zerstören. Meine Devise:
Sex, Drugs & Rock n Roll – zumindest 33% hiervon sind gut!
Behalte eins und schmeiß zwei raus! Und die anderen beiden Ebenen: Outsourcing heisst das magische Zauberwort! Shadowrun hat von Haus aus ein System für Connections unterschiedlicher Loyalitätsstufen. Wenn also für einen Run ein Magier, Rigger oder Decker gebraucht wird, dann akquiriert man einen Kumpel oder heuert einen Mietling an.
Gibt es lediglich einen dieser Spezialisten fest in der Gruppe, lässt sich das gut handhaben. Fühlt sixh das komisch an? Vermutlich ja, am Anfang. Aber es wird nachlassen. Und die angeheuerten NSC üben ihre Funktion aus, werden von der Spielleitung gesteuert und erfordern keine ausufernde Simulation.
Gute Zeiten, schlechte Zeiten
Shadowrun will Cyberpunk sein. In meinen Augen jedoch keine düstere Dyatopie, das können andere Settings besser. In einer meiner letzten Kampagnen zu Shadowrun ging es um Organhändler, Aztech-Cyberzombies und Tragik. Familien und Freunde der Spielfiguren wurden getötet oder kamen anderweitig zu Schaden. Dennoch würde ich eine klassische Shadowrun-Kampagne auch ordentlich Element einer Soap-Opera verpassen. Ähnlich wie im Horror-Bereich kann man dadurch starke Kontraste setzen. Schräge Figuren, makabren Humor, Alltagszenen voll Wahnsinn. Aber auch traurige Figuren voll Tragik dürfen vorkommen um dem Setting ihren eigenen Akzent zu geben.
Punk, du Chromschädel, kein Hitman
Die Figuren dürfen in ihrem Bereich gut sein, keine Frage. Aber in einer klassischen Kampagne gehören sie zumeist einem Umfeld an, in dem man nicht unbedingt in die schicken Wohnsiedlungen gehört.
Daher spielt für mich dieser Lifestyle eine große Rolle und dieser typische Verschnitt von
Ich bin ein mysteriöser Mann im eleganten Anzug und auch meine Gefährten wissen nichts über mich
gehört für mich an den Rand der möglichen Spielfiguren. Sie wirken auf mich wie Fremdkörper und sind kein Bestandteil des Punks. Ebenso der geleckte Style der späteren Editionen. Cyberware darf dreckig und disfunktional sein, es ist nicht alles Chrom was glänzt. Es darf eben auch mal der Wirt mit dem schrottigen Arm aus den Eurokriegen sein.
So. Das waren erst einmal ein paar meiner Gedanken. Es gibt noch genug zu plaudern…Module und Aufbau von Abenteuern, Building Blocks in Shadowrun, das geniale Asphaltdschungel und wie das alles früher irgendwie nie wirklich bei uns an den Spieltisch gelangte. Bis dahin viel Spaß beim Spielen, Lesen und kommentieren.
-grannus-
5 Kommentare zu „Shadowrun, Klappe die Zweite…Action!“