218 vor Christus soll der karthagische General Hannibal mit 50.000 Soldaten, 9.000 Kavalleristen und 37 Elefanten erst das Mittelmeer überquert, dann die iberische Halbinsel durchquert und dann die Alpen wieder überquert haben, um das römische Reich anzugreifen. Alle Elefanten überlebten die Reise.
Die ganze Aktion hört sich absolut wahnwitzig an und ist zurecht eine der wenigen militärischen Unternehmungen, von der wohl so ziemlich jeder schon mal gehört hat. Die Überquerung der Alpen dauerte 16 Tage, der gesamte Heerzug vermutlich einen guten Monat.
Was kann man hier über Rollenspiel lernen?
Die Alpenüberquerung ist ein sehr feines Beispiel dafür, wie man ein Reiseabenteuer zu einer ganzen Kampagne gestalten kann. Dass Hannibal jemals im heutigen Italien angekommen ist, grenzt an ein Wunder. Die Reise in einem Heerzug ist schon innerhalb eines Landes eine Meisterleistung mit zig Sachen, die schiefgehen könnten. Eine so lange Reise mit den Mitteln, die in der Antike zur Verfügung standen, eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit.
Mehr Probleme, mehr Spaß
Ich habe vor nicht allzu langer Zeit mal darüber geschrieben, dass Rollenspiel eigentlich eine Reihe von Problemen sind, die die Spielenden zu lösen haben. Ein waghalsiges Unternehmen wie die Reise in einem großen Heerzug hat auf jeden Fall einen Haufen Probleme.
Allen voran die immer wiederkehrende Frage: Reisen wir lieber schnell oder sicher? Hannibal hatte ein klares Ziel und den Willen, es so schnell wie möglich zu erreichen. Dafür musste er einiges opfern. Man hätte mehr Brückenköpfe, Zwischenlager und Versorgungspunkte errichten können. Aber dafür war keine Zeit.
Learning 1: Die Zeit läuft
Wenn du ein Reiseabenteuer spielst, gib ein Zeit-Limit. Die Spielenden müssen ihr Ziel innerhalb von X Tagen erreichen. Jeden Tag gibt es eine Entscheidung, ob man vorsichtig oder schnell agiert. Die schnelle Route ist immer gefährlicher. Umkehren oder die Reise abbrechen sind keine Option.
Learning 2: Knappheit
Eine große Reisegemeinschaft verbraucht eine Unmenge an Nahrung, Wasser und in späteren Zeiten Medizin. Vor allem leidet aber auch jeden Tag die Moral. Also sollten wir nicht nur die Zeit tracken, sondern auch Ressourcen und die allgemeine Moral. Eine Meuterei sollte immer durchaus eine realistische Bedrohung sein. Ressourcen aufzufüllen, geht natürlich direkt wieder zulasten der Zeit.
Das macht gleichzeitig auch das Wetter interessant. Denn je nach Wetter kommt man vielleicht langsamer voran, kann aber zum Beispiel Trinkwasser gewinnen.
Learning 3: Der Feind ist überall
Hannibals Erzfeind Scipio versuchte, den Karthager an mehreren Stellen aufzuhalten. Und hatte dabei natürlich einen gewissen Heimvorteil. Zudem hatten die Römer Verbündete, die sich Hannibal ebenfalls in den Weg stellten. Jeder Kampf kostete Truppen, Zeit und Ressourcen.
Learning 4: Strategische Ressourcen
Wenn der Feind eine Zermürbungstaktik mit ständigen Vorstößen führt, greift er nicht das Heer an. Er greift die Ressourcen an. Packtiere, Wagenzüge, Lazarette sind verwundbare Ziele. Und sie zu verlieren ein großes Problem. Sorgt man für Ersatz und verbraucht Zeit oder eilt man weiter und riskiert, dass die Nahrung ausgeht, bevor das Ziel erreicht ist?
Learning 5: Ein Feldzug ist eine soziale Sache
Hannibal war auf Hilfe angewiesen. Ständig musste mit ansässigen Stämmen verhandelt werden, damit das Land durchquert werden musste. spätestens in den Alpen war er auf Hilfe durch Führer:innen angewiesen. Ständig musste er Angst vor Verrat haben.
Learning 6: Es wird immer schlimmer
Schon über das Mittelmeer zu fahren und durch Spanien zu ziehen dürfte ein Alptraum gewesen sein. Aber die Alpen kamen ja erst noch. Die Moral war schlecht, die Ressourcen knapp und jetzt wurde es nochmal richtig wild. Das Gelände schwieriger, das Wetter schlechter, die Moral noch übler. Und der Lohn der Mühe war das wartende römische Heer.
Learning 7: Der Wow-Faktor
Seien wir ehrlich: Hannibal hat am Ende verloren. Kein Mensch würde über diesen Feldzug sprechen, wenn keine Elefanten dabei gewesen wären. Sie waren Hannibals Geheimwaffe. Im Kampf gar nicht mal so effektiv, aber gut für die Moral der Truppe. Gib deinen Spielenden etwas außergewöhnliches mit, dass auf der Reise beschützt werden muss. Auch, wenn es nervt. Ohne Elefanten wäre es bestimmt einfacher gewesen. Aber nicht so cool.
Fazit
Ein Reiseabenteuer, insbesondere ein Feldzug, leben von Entscheidungen. Und dafür muss man Zeit und Ressourcen nachhalten. Die Spielenden MÜSSEN den Zeitplan einhalten, ihre Ressourcen und die Moral dürfen aber nicht auf Null fallen. Als Spielleitung ist es deine Aufgabe, die Ressourcen immer wieder anzugreifen. Es ist nicht deine Aufgabe, Lösungen für die Probleme zu finden. Das sollen die Spielenden machen. Denk dir eine Besonderheit für die Reise aus. Elefanten zum Beispiel. Im konkreten Fall des Hannibal-Feldzugs würde die Moral massiv leiden, wenn die Elefanten es nie bis zu den Alpen geschafft hätten.
Keep it simple
Du musst nicht jede einzelne Ressource nachhalten. Sag einfach „Ihr habt 30 Tage Zeit und genug Vorräte für 20 Tage. Der Zug beginnt auf einem Moral-Wert von 10“. Und von da aus einfach improvisieren. Man muss nicht aus allem eine Wissenschaft machen.
Viel Erfolg im Alpenzoo
-Seba
@kritischerfehlschlag.de Mega Beitrag. Danke. Hat sofort die Lust geweckt, wieder zu Spiel leiten.
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@kritischerfehlschlag.de erst gestern im history podcast gehört, dass höchstens 1 elefant überlebt hat 😉
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@socialpreneur @kritischerfehlschlag.de
Das ist definitiv das höchste Lob für einen Blog Eintrag, vielen Dank!
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Klar, die richtige Route finden ist natürlich eine weitere Herausforderung.
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Ich habe mich hier auf Wikipedia verlassen. Am Ende des Feldzuges waren demnach natürlich alle tot, aber bis nach Italien sollen sie es geschafft haben.
Aber hey, wenn nicht, ist es trotzdem eine gute Geschichte.
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