Als Seba diesen Beitrag über Grundlagen für den Spielleiter schrieb, führte das zu einem Austausch auf dem Blog-Discord. Das Ergebnis habt ihr nun vor euch: einen weiteren Artikel über Basics. Dieses mal hauptsächlich an Spieler gerichtet, wobei auch für frische Spielleitungen interessante Informationen dabei sein dürften.
Problem Me / Thorsten war der Auslöser für dieses Thema. Wie er richtig beschrieb, dürften einige neue Spieler und Spielleiter mit Lets Plays in Kontakt geraten sein, darüber vielleicht sogar den Einstieg ins Hobby gefunden haben. Professionelle Schauspieler, Voice Actors, (Drehbuch-) Autoren – all das kann man da draußen am Bildschirm beobachten. Und dabei völlig falsche Vorstellungen entwickeln, was Rollenspiel eigentlich ist. Ganz besonders trifft dies auf einen Aspekt zu, den ich hier heute etwas beleuchten will: das Charakterspiel. Etwas ausführlicher:
„Wie spiele ich meine Figur, wenn ich neu im Hobby bin und mich das nicht richtig traue? Wie kann ich da gut reinkommen ohne an irgendwelchen Vorstellungen zu zerschellen?„
Gleich vorweg: ich werde das Rad an dieser Stelle nicht neu erfinden. Ich habe aber in den letzten 20 Jahren mit einigen Leuten Rollenspiele gespielt, die davor noch nie derartiges gemacht haben und auch sonst keine Berührungspunkte mit diesem Bereich hatten. Ich konnte also verschiedene Möglichkeiten für mich und diverse Gruppen testen.
Der Beppo-Effekt
Man darf nie an die ganze Straße auf einmal denken, verstehst du? Man muss nur an den nächsten Schritt denken, den nächsten Atemzug, den nächsten Besenstrich. Und immer wieder nur an den nächsten. Und auf einmal merkt man, dass man Schritt für Schritt die ganze Straße gemacht hat.
Ich befürworte den krassen Gegensatz zum Matt-Mercer-Effekt. Niedrigschwellig anfangen. Keine Anforderungen an die Spielleitung oder an sich selbst stellen. Statt die Messlatte extrem hoch zu hängen, sollten gerade zu Beginn die Leute ihren Einstieg so wählen, wie es für ihre Persönlichkeit und Vorerfahrung angemessen ist. Besonders gilt dies wenn die gesamte Runde neu im Rollenspiel beginnt. Als Gruppe wächst man gemeinsam. Mit jeder Session, mit jedem Abenteuer. Das Ausspielen von Charakteren gibt es in vielen Varianten. Hier beschreibe ich jene Varianten, mit denen ich selbst Erfahrungen sammeln konnte.
Neue Spieler sollten zumindest aufgezeigt bekommen, welche Möglichkeiten sie haben um ihre Figur auszuspielen.
Sich selbst spielen
Klingt plump, ist aber so! Niedrigschwellig und funktioniert ohne Umschweife. In der Regel nutze ich diesen Stil, wenn ich Spieler ohne Vorkenntnisse habe oder es schlicht nicht notwendig ist sich irgendwelche Figuren auszudenken. Die Spieler müssen sich in keine anderen Figuren hineindenken oder -fühlen, müssen lediglich überlegen „Wie würde ich in dieser Situation denken, fühlen oder handeln?“ Möchte die Person dabei mit ihren Vorstellungen experimentieren? Oder lieber der eigenen Linie treu bleiben? Die Entscheidung liegt völlig beim Spieler. Ein weiterer Vorteil ist dass es für den Spieler ohne Umschweife direkt in das Abenteuer gehen kann. Ich selbst nutze diesen Stil für zwei verschiedene Szenarien:
- Horror / Eine Nacht im Schwarzwald Angelehnt ist dieses Szenario an Cthulhu und andere Horror-Tropes. Die Spielfiguren fahren nach einer Hochzeit mit dem Auto durch den Schwarzwald. Der Fahrer hat getrunken, die Sicht ist schlecht. Plötzlich läuft etwas über die Straße und prallt mit dem Auto zusammen. Der Klassiker! Das Fahrzeug ist defekt, Handyempfang schwach, die Person auf der Straße leblos. Nur in einem Bademantel gekleidet, der ganze Körper von Kratz- und Schnittwunden übersät. Was tun? Woher kam die Person? Weswegen rannte sie auf die Straße? Die Polizei rufen? Machen die Figuren sich gegenseitig Schuldvorwürfe? Eskaliert die Situation bereits hier? Sucht die Gruppe Unterschlupf? Bereits der Start kann hier sehr turbulent sein und jedem Spieler die Möglichkeit nach Interaktion bieten. Natürlich gibt es eine Waldhütte in der Nähe. Natürlich kam das Verkehrsopfer von dort. Und natürlich gibt es da grauenvolle Dinge zu erkunden. Wie gesagt, alles soweit vertraut und dennoch bietet es genug Spannung und Möglichkeiten wenn die Spieler das erste Mal selbst in eine handelnde Rolle geraten.
- Fantasy / Das ist nicht Kansas Ein weiterer Klassiker. Die Spielfiguren werden – wie auch immer – in ein phantastisches Reich gezaubert / gezogen / teleportiert etc. Dort müssen sie dann neue Rollen einnehmen (Ritter, Zauberer etc.) bleiben jedoch sie selbst. Diese Variante lässt es den Spielern offen, inwiefern sie ihre Rolle im Rahmen des Spiels verändern und erweitern.
3. Person Singular
Menschen lieben Geschichten. Noch besser sind Geschichten in denen Menschen miteinander interagieren. Märchen sind hier mal unser Stichwort. Sie begleiten uns allermeist bereits seit der Kindheit und haben uns in phantastische Reiche geführt. Um den Spielern etwas Distanz von den Spielfiguren und dem Geschehen zu gewähren, könnte die Gruppe als Erzählform die Dritte Person wählen. Die Spieler haben dann das Gefühl des Geschichtenerzählens und können so ohne Hemmungen aktiv in die Handlung einwirken. Kennengelernt habe ich dieses Art zu spielen bei Geh nicht in den Winterwald von System Matters. Und es funktioniert hervorragend bei Groß und Klein.
Zweidimensionale Figuren spielen
Es muss nicht immer ein komplexer, vielschichtiger Charakter sein. Das Klischee von 10-seitigen Charakterhintergründen für Session 1 existiert da draußen tatsächlich und ich bin kein Freund davon. Der Spieler muss auch nicht bereits irgendwelche Story-Arcs über seine Charakterentwicklung im Kopf haben. Wenn die Hintergrundgeschichte einer Stufe 1 – Spielfigur ein Dutzend spannender Geschichten enthält, wieso möchte ich dann noch rollenspielen? Wenn ich (noch vor Spielbeginn) so tief in eine Spielfigur eintauchen möchte, dann könnte ich statt dessen auch Kurzgeschichten etc. schreiben. Meiner Meinung nach geschehen die wirklich spannenden Inhalte während des Spiels. Es ist also völlig in Ordnung wenn meine Beschreibung reduziert werden kann auf „Mein Name ist Alrik und ich wurde aus meinem Dorf vertrieben. Meine Eltern wurden von marodierenden Orks getötet“. Gerne kann mit Klischees gearbeitet werden. Oder mit Abziehbildern. „Mein Krieger ist eine Mischung aus Vin Diesel und Bruce Willis“ – das erzeugt genug Bilder für den Spielenden selbst und auch für die Gruppe.
Seba hat zu diesem Thema bereits einen eigenen Artikel verfasst. Schaut ihn euch gleich mal an!
Vorgefertigte Charaktere
Den Zugang zu vorgefertigten Spielfiguren hatte ich hauptsächlich durch Cthulhu. Dort gibt es eine lange Tradition von auf das Abenteuer zugeschnittenen Spielfiguren. Dabei stehen die Spielfiguren oft schon in einem Verhältnis zueinander, haben Agendas und eine knappe Vorgeschichte. Der Vorteil liegt hier klar auf der Hand: der Spieler erhält in etwa eine Anleitung wie diese Figur gedacht und angelegt ist. Natürlich gilt bei Anfängern das Weniger-ist-mehr-Prinzip. Die Beschreibung soll nicht ausufern und eher Informationen beinhalten, die für das Abenteuer relevant sind.
Abschließende Gedanken
Das Ausspielen von Figuren gehört mit Sicherheit zu jenen Themen, zu denen man massenhaft Inhalte da draußen im Internet findet. Die Bandbreite dabei ist gewaltig, von Blog- und Forenbeiträgen bis hin zu Leitfäden von professionellen Schauspielern. Tipps und Tricks für den Einsatz von Stimme, Körper, Requisiten aber auch verschiedene Philosophien zu der Komplexität von Spielfiguren. Die Antworten da draußen sind so bunt wie die Menschen selbst. Jede Runde, jede Spielleitung und jeder Spieler hat dabei eigene Vorstellungen und Vorlieben. Und das ist vielleicht das Wichtigste: es gibt kein richtig und kein falsch. Es gibt innerhalb der Spielrunden einen Konsens und solange sich jeder mit der Art des Spiels wohlfühlt, ist alles gut. Leistungsdruck gehört nicht in den Hobby-Bereich.
Falls euch noch grundlegende Gedanken zu diesem Thema einfallen, schreibt es doch gerne in die Kommentare.
-grannus-