Bartimaeus hat auf wuerfellustbarkeit.de zur Blogparade eingeladen. Grannus hat gestern schon seinen Senf dazu gegeben. Jetzt schreibe ich auch etwas dazu. Barti hat ja dazu aufgerufen, sich mit dem Thema kreativ auseinanderzusetzen. Ich nehme mir also ein Beispiel an Alinas Anleitung für schreckliche Con-Erfahrungen und erkläre euch eine Spielrunde mit mir.
Rollenspiel mit Seba
Manchmal werde ich bei anderen Leuten zu Rollenspielrunden eingeladen. Und die sind ja auch ganz niedlich. Als Autor, Podcaster und Spieldesigner bin ich als Gastspieler natürlich sowas wie Gordon Ramsay bei McDonalds. Objektiv schlicht und einfach viel qualifizierter als alle anderen Personen im Raum. Ich weiß genau, wie Rollenspiel zu sein hat. Die meisten machen es einfach falsch.
Ich würde mich nicht als lauten, dominanten Mitspieler bezeichnen. Ich bin einfach nur besser als die anderen. Messbar. Schlauere Ideen, mehr Erfahrung, ausgeprägtes Gefühl für Dramaturgie und feinsinniger Humor. Darum ist es nicht nur mein Recht, sondern im Grunde meine moralische Pflicht, permanent zu reden und einfach lauter zu werden, wenn jemand anders etwas sagen möchte. Wenn ich entscheide, was die Gruppe tun soll, nehme ich niemandem Agency weg. Ich mache das Spiel objektiv besser, indem ich andere Leute keine falschen Dinge tun oder sagen lasse. Immerhin ist Rollenspiel eine kollaborative Tätigkeit. Alles geht deutlich besser, wenn man mit mir kollaboriert.
Das merken die Leute am Tisch meistens auch recht schnell. Nicht immer bewusst, aber unterschwellig schon. Da verändert sich dann die Dynamik. Plötzlich reden sie weniger. Denken länger nach, bevor sie etwas sagen. Manche schauen mich sogar nervös an, bevor sie eine Entscheidung treffen, als würden sie sich ein stilles Okay holen. Ich sage dann nichts. Ich nicke nur huldvoll. Oder schüttle den Kopf. Mehr braucht es nicht.
Die Spielleitung versucht manchmal zwischendurch noch, die Kontrolle zu behalten. Ich lasse sie. Zumindest formal. Es ist ja auch wichtig für die Immersion, dass sie glaubt, sie hätte etwas zu sagen. Aber wenn sie Regeln falsch anwendet oder die Szene dramaturgisch ins Leere läuft, muss ich natürlich eingreifen. Höflich, aber bestimmt. „Interessanter Ansatz“, sage ich dann. Und dann mache ich es richtig. Also deutlich besser.
Neulich hatten wir so einen Moment. Einer dieser angeblichen „emotionalen Höhepunkte.“ Der Charakter von Jana kniete neben ihrem sterbenden Bruder. Große Szene, okayer Aufbau, alle sind ruhig. Sie fängt an zu sprechen, etwas unsicher, eine Schauspielerin ist nicht an ihr verloren gegangen. Ich warte einen Moment, lasse sie zwei Sätze sagen, und merke sofort: Das trägt so nicht. Zu flach, zu wenig Fokus, keine klare Fallhöhe.
„Ganz kurz“, sagte ich leise, aber bestimmt. „Da fehlt der dramatische Beat.“
Ich übernehme dann, formuliere ihren Dialog etwas sauberer, ziehe die emotionale Linie straffer, gebe der Szene die Struktur, die sie braucht. Als ich fertig bin, ist es vollkommen still am Tisch. Manche schauen auf ihre Würfel. Einer räuspert sich leicht. Es ist genau diese Art von Intensität, die man sonst selten hinbekommt. Die anderen sind dafür dankbar. Sie sagen es nicht immer direkt, aber man merkt es. Dieses gespannte Schweigen. Diese bewundernde Ruhe. Das ist die Art von Vertrauen, die man sich erarbeitet.
Hin und wieder kommt es vor, dass jemand widerspricht. Ein Neuling meistens. Jemand, der noch denkt, beim Rollenspiel ginge es nicht darum, zu gewinnen. Ich erkläre dann geduldig, warum seine Idee Unsinn ist. Typisch Anfänger halt. Oder ich rede einfach weiter. Beides funktioniert überraschend gut.
Im Laufe des Abends wird es dann oft hektisch. Leute müssen plötzlich früher los. Oder sie stehen einfach kurz auf und kommen nicht zurück. Das kann passieren, gerade wenn ein Spiel auf einem so hohen Niveau läuft wie mit mir. Das erfordert Konzentration und hohe intellektuelle Leistung. Nicht jeder ist dafür gemacht.
Irgendwann sitze ich dann normalerweise alleine da. Mit der Spielleitung. Eine gute Gelegenheit für konstruktive Einzelkritik. Nicht bei allen ist es hoffnungslos, manche könnten mit etwas Mühe ein akzeptables Niveau erreichen.
Manchmal habe ich auch gegen Ende des Spiels plötzlich Blackouts. Später wache ich dann auf. Meistens irgendwo draußen. Häufig in einem Müllcontainer.
Ich gehe nach Hause mit dem guten Gefühl, die Rollenspielwelt wieder ein klein wenig besser gemacht zu haben.
Das dazu von mir.
-Seba
@kritischerfehlschlag.de Der Blogpost hat mir den Morgen versüßt, herrlich 😂
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@kritischerfehlschlag.de wie, keine Presse und Fotograf*innen vor Ort? Und du wirst nicht in der Limousine gebracht?
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@kritischerfehlschlag.de
Klasse 😀
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@storiesandcharacters @kritischerfehlschlag.de
Komisch eigentlich, jetzt, wo du es sagst…
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@fedithom @kritischerfehlschlag.de
Vielleicht sollte ich 1-on-1 Coachings anbieten..
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@kritischerfehlschlag.de @Seba
AMEN.
Immerhin ist Rollenspiel eine kollaborative Tätigkeit. Wie eine Kollage. Alles geht deutlich besser, wenn man dabei mit dir kollaboriert. Sonst kollabiert noch das Spiel. Und die Spielenden kollabeszieren. Das wäre der Kollaps des Rollenspiels.
(Nein, ich habe nicht den Duden genutzt. Nicht viel, zumindest.)
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@Sten @kritischerfehlschlag.de kongeniale Kollaboration, Kollege
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@kritischerfehlschlag.de Tja, oben an der Spitze ist man leider alleine… 😜
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😂 Es ist einsam an der Spitze 👍
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@kritischerfehlschlag.de
Hast du nach solchen Blackouts Schmerzen am Hinterkopf?
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Woher weißt du das?! Die Ärzte waren bisher ratlos!
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Sehr unterhaltsam und realitätsnah!
Schreibst du noch Artikel zu den anderen beiden Dingen?
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@kritischerfehlschlag.de Das erinnert mich an eine alte Kolumne von Andreas Blumenkamp (= Ulli Kiesow) aus der Wunderwelten Nr. 6 (Okt. 1990), Seite 6, die ich zufälligerweise grad gestern gelesen habe.
Keine Ahnung, ob das hier lesbar ist.
AltText ist unkorrigierter, aus Platzgründen massiv gekürzter OCR-Text – mir fehlt leider die Zeit, das jetzt von Hand zu verbessern.
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