Rezension: Rhôn – Anthologie

Nüchterner Titel damit jeder direkt weiß worum es geht. Dann kann es ja losgehen. Dreck, Schmutz, Abgründe, Gewalt. Damit beginnen wir.

Philipp Lohmann und Matthias Platzer sind in Rollenspielkreisen uns nicht unbekannt und es soll kein Geheimnis sein, dass ich für beide große Sympathien empfinde und von Philipp gefragt wurde, ob ich Lust hätte eine Rezension zur vorliegenden Anthologie zu schreiben. Er fragte mich hauptsächlich, da ich einen Hang zu dieser Art von Setting besitze und keine dämliche Bratze bin. Seine Gründe werden irgendwo in dieser Richtung begraben liegen.

Ich fühle mich, sofern das irgendwie möglich ist, ganz wohl in der Tragödie des Dreißigjährigen Krieges. Daher ist der Sprung nach Rhôn nur eine kleine Hürde für mich. Hier geht es zur offiziellen Homepage.

So, die Anthologie kommt mit 176 Seiten und insgesamt elf Geschichten.  Für diesen Beitrag liegen drei Grundprämissen zugrunde:

  • Ich habe größten Respekt vor jeglicher Person, die ihre Kreativität öffentlich den Wölfen zum Frass vorwirft. Aber nicht nur die Autoren verdienen meinen Respekt, sondern alle in diesem Prozess involvierte Personen. Alleine diesen Schritt zu gehen verdient 3,5/5 Punkten.
  • Ich möchte in der Rezension die Anthologie als Gesamtwerk betrachten. Wenn mir eine Geschichte über die Maße gefallen hat, möchte ich dies gerne hervorheben. Das heißt im Umkehrschluß nicht, dass andere Geschichten mir nicht gefallen haben.
  • Dennoch, es geht hier nicht alleine um Sympathie. Die Anthologie wurde von mir unter folgenden Gesichtspunkten gelesen und bewertet:
    • 1. Wie gut harmonieren die Geschichten mit der Vorgabe der Ausschreibung.
    • 2. Wird das Setting, wie es mir durch den Web-Primer bekannt, in den Geschichten eingebettet? Spüre ich Rhôn?
    • 3. Funktionieren die Geschichten nur für sich alleine oder kann ich aus ihnen etwas für das kommende Rollenspiel ziehen?

Alle Punkte sind maximal subjektiv und ich habe keinerlei Kompetenzen im Bereich Literatur. Ich bin lediglich ein Freund des Settings und Genre.

Vorgaben für Schreiberlinge

An dieser Stelle kann ich fast die volle Punktzahl geben. Den Geschichten geht der angestrebte Leichen- und Modergeruch eindeutig voran. Es stinkt und müffelt nach ungewaschenen (Hillbilly-) Körpern, dunklen Geheimnissen und Krieg. Das Setting ist sehr unangenehm, das Rhonland gefährlich nahe am Kollaps. Hier wird eine Region geschildert, die kaum handlungsfähig scheint. Ich persönlich hätte mir schwarzen Humor gewünscht sowie schrullige warhammer-eske Figuren. Das hätte dem Horror und dem Trübsal eine schöne Note gegeben.

Auch nett: vorab werden alle Geschichten mitsamt Content Notes gezeigt. In diesem Setting macht das Sinn und zeigt, dass Herausgeber und Autoren Respekt vor der Leserschaft haben.

Wir sind jetzt im Fledermaus Rhonland

Im Primer wurde dem Rhonland insgesamt 16 Seiten gewidmet. Manch eine Information zum Setting kam natürlich noch im weiteren Verlauf hinzu, aber das Rhonland erhielt einige Schlaglichter im Primer. Harmonieren die Geschichten mit dem Rhonland, wie ich es vom Primer kenne?

Das Rhonland, kondensiert im Primer

Hier wurden meine Erwartungen tatsächlich häufig enttäuscht.  Manche Begrifflichkeiten aus dem Primer wurden zwar gewählt, doch ich möchte ja ehrlich sein: die Geschichten, unabhängig von ihrer Qualität, hätten oft auch irgendwo anders spielen können. Sie fühlten sich oft nicht im Setting verankert an.

Matthias hat nicht nur einen Haufen Atmosphäre in seine Texte einfließen lassen, sondern auch viele Spielinhalte und Anknüpfpunkte. Davon haben sich die Autoren wenig inspirieren lassen, was ich persönlich schade fand. Motzen auf hohem Niveau ich weiß.

Gib mir Plothooks

Lassen sich die Inhalte aus den Geschichten für das Rollenspiel nutzen? Da gibt es einige echt starke Momente in den Geschichten! So gut, dass ich direkt meiner Begeisterung Luft machen musste und mich erkundigte, ob jene Inhalte noch im Regelbuch ergänzt werden.

An dieser Stelle möchte ich zwei Geschichten besonders hervorheben, nämlich Die Fliehburg (Felicia Scharsich) und Westwind (Antje & Sven Kröpelin). Diese beiden Geschichten würden mich direkt ermutigen, jeweils ein Element für das Rollenspiel niederzuschreiben.

By the way Frau Knurrkater: wahnsinnig tolle Perspektive und Atmosphäre. Schon die erste Seite hat die Stimmung ordentlich runtergezogen und der Reveal am Ende war grandios!

Apropos Reveal: bei einigen Geschichten hätte ich mir weniger Atmosphäre-Text und mehr Handlung gewünscht. Liegt vielleicht an mir, aber manchmal hätte es weniger wie ein düsteres deutsches Art-Kino wirken dürfen. Die Handlung plätschert vor sich hin, Spannung will erzeugt werden und dann ist die Geschichte vorbei, während sich das Ende schon ab der Hälfte abzeichnete.

Fazit

Kurzum: mir haben die Geschichten Spaß gemacht und eines darf man nicht vergessen: sie sind die Vorreiter für Regelbuch und Abenteuer. Spannend wird es, die Geschichten in vielleicht einem Jahr wieder zu lesen und zu schauen wie sie nach ein paar Abenteuern im Rhonland abschneiden. Auf alle Fälle eine schöne Bereicherung und kurzweilig genug, um sich entspannt bei einer Tasse Tee und Ambientsounds entführen zu lassen.

Das Werk gibt es offiziell ab dem 25.04.26 auf der Marburg-Con (inklusive Demo-Runden und Lesung), kann aber bereits jetzt schon gekauft werden: Epubli, Amazon und Thalia – sowohl Print- als auch Druckausgabe.

-grannus-

Veröffentlicht von grannus

Über mich kannst du auf dem Blog unter "Team" lesen. Ansonsten bin ich am liebsten Papa, Autor und Spielleiter.

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