Ohne D&D gäbe es kein deutsches Tischrollenspiel

Steile These? Nicht wirklich. Deutsche Rollenspiele haben zwei relevante Ursprünge, die ich kurz beleuchten will.

Das älteste deutsche Rollenspiel ist Midgard. Es erschien erstmals 1981, und mit dem zweiten Regelband war es 1983 vollständig. Die Autoren, allen voran Jürgen Franke, hatten 1977 beim „Fest der Fantasie“ des Vereins FOLLOW erstmals Gelegenheit, D&D zu spielen. Josef Ochmann hatte das Spiel von einer Reise mitgebracht. Jürgen Franke nutzte ab 1978 selber das Rollenspiel „Empire of the Petal Throne“ als Grundlage eigener Regeln, die in den folgenden Jahren immer wieder geändert wurden, bis es zu der Veröffentlichung 1981 kam. Im Verlaufe dieser Arbeit hatten Frankes dann den Club für Fantasy- und Simulationsspiele aus der Taufe gehoben und sich von FOLLOW verabschiedet. Ob es ohne die Inspiration durch D&D anno 77 dazu gekommen wäre, bleibt natürlich Spekulation, es erscheint aber fraglich.

Die zweite Geschichte ist die von DSA und D&D. Wie Werner Fuchs als damaliger Mitbegründer des Verlages Fantasy Productions und Mitautor von DSA (und vieles mehr…) verschiedentlich erzählt hat, hatte man in einem verregneten Sommerurlaub in Dänemark das damals aktuelle D&D gespielt und war begeistert – das muss 1982 oder 83 gewesen sein, eine genaue Jahresangabe habe ich nicht gefunden. Das kam in einer Hochphase von D&D und TSR (dem Verlag von D&D ab der Gründung bis 1997), als man dort gerade Ausschau nach internationalen Partnern hielt, um den immensen Erfolg – D&D hatte es von Gary Gygax´ Keller 1974 zu zweistelligen Millionenumsätzen um 1980 gebracht – über die USA und Großbritannien hinaus zu verbreiten. Der britische Ableger von TSR hatte bei Fuchs, Kiesow und Co. angefragt, ob man dort nicht die deutsche Übersetzung von D&D verlegen wollte. Das war ihnen aber eine Nummer zu groß, und dank der Kontakte von Fuchs in die Verlagsbranche kamen dann Gespräche mit Droemer Knauer und Schmidt Spiele zustande. Dabei waren die Provisionsforderungen der Amerikaner derart hoch (von 25% ist die Rede), dass die Verantwortlichen von Schmidt Spiele TSR quasi vom Hof gejagt haben, und geblufft haben, dass man TSR vom Markt fegen würde. Nun mussten Kiesow und Co. binnen weniger Wochen ein Rollenspiel aus dem Boden stampfen – Das Schwarze Auge wurde aus der Taufe gehoben, und wurde Anfang 1984 auf der Spielwarenmesse in Nürnberg vorgestellt. Das zuvor von FanPro ebenfalls übersetzte Tunnels & Trolls – auf deutsche Schwerter & Dämonen war kurz zuvor erschienen, blieb Nische und hatte keinen großen Erfolg.

D&D selber landete dann bei ASS Altenburg-Stralsunder Spielkarten, die dazu eine GmbH gründeten, den Fantasy-Spiele-Verlag (FSV). Vermutlich haben die Leute von TSR nach dem Ende der Verhandlungen mit Schmidt Spiele die deutschen Spieleverlage abgeklappert. Bei ASS, nach dem Krieg nahe Stuttgart neu gegründet, trafen sie auf Hans W. Jany, der in den USA studiert hatte und den traditionsreichen Verlag im Jahr 1982 „handstreichartig“ übernommen hatte. Die ersten Übersetzungen von D&D waren noch von Ulrich Kiesow erledigt worden, sein Name taucht in den Produkten der ersten Stunde auf.

Somit haben sowohl Midgard wie auch Das Schwarze Auge ihre Existenz auf unterschiedlichen Wegen letztlich D&D zu verdanken.

Interessant ist dabei noch eine Bemerkung von Gary Gygax in einem Interview, das 1984 im „Großen Buch der Fantasy-Rollenspiele“ veröffentlicht wurde. Er sagte dort, dass man schon fünf Jahre früher in Deutschland hätte sein können, aber ein Freund in der Schweiz hätte es abgelehnt, die Übersetzung zu machen. Der Freund war vermutlich Walter Luc Haas (+ 2001), ein Wargaming-Enthusiast und Journalist, der in den 70ern das Fanzine „Europa“ herausgab, als Importeur für US-Spiele fungierte und ansonsten begeisterter Diplomacy-Spieler war. Später schrieb Haas u.a. dann Artikel in der „Spielwelt“.

Eine Notiz in der Zauberzeit im Jahr 1989 wirft ein interessantes Schlaglicht auf die Verhandlungen von TSR mit Schmidt Spiele: der Mann für das internationale Geschäft von TSR, Andre Moulin, wurde von seiner eigenen Firma verklagt, weil er aus dem Geschäft mit dem japanischen Verlag hohe Lizenzgebühren in die eigene Tasche abgezweigt haben soll. Die Rede war von 25 %.

Mehr zur Geschichte ist auf meiner Homepage zu finden: https://rollenspielgeschichte.info/

stebehil

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