Große Kampagnen planen. Mit Würfeltabellen.

Ich liebe den OSR-Stil des Spielens aber ich bin auch ein Fan von Charakteren. Ich möchte, dass sie eine Persönlichkeit haben und sich entwickeln statt nur wie eine Spielfigur durch den Dungeon geschoben zu werden. Meine liebste Form des Abenteuers ist deshalb die Queste mit persönlicher Bedeutung. Wie bringt man das zusammen? Die Antwort ist wie so oft: Mit einer Würfeltabelle.

Der 5-Minuten-Charakterhintergrund und die 1w6-Kampagne

Die großartigen Robert J. Schwalb und Chris McDowall haben in ihren Systemen „Im Schatten des Dämonenfürsten“, respektive „Electric Bastionland“ Würfelsysteme, um schnell einen Charakterhintergrund auszuwürfeln. Das ist eine unglaublich gute Idee, die von vielen intelligenten Menschen leichtfertig als lustiges Gimmick abgetan wird. Die Idee ist deshalb so gut, weil

  1. OSR-Charaktere schnell sterben und man für den nächsten so schnell wieder einen Hintergrund hat.
  2. Der Spielleiter aus einem einzigen Würfelwurf eine ganze Kampagne stricken kann.

Ich hoffe, Mr. Schwalb und Mr. McDowall vergeben mir, wenn ich an dieser Stelle eine Würfeltabelle einfüge, die natürlich massiv von ihnen inspiriert ist.

1Du hast ein schreckliches Verbrechen begangen und bist technisch gesehen auf der Flucht.
2Du hältst dich für die Reinkarnation eines legendären Helden.
3Du hast einen Auftraggeber verraten, der auf Rache aus ist.
4Deine Familie schuldet jemandem sehr viel Geld.
5Du bist im Besitz eines unschätzbar wertvollen Artefakts.
6Deine Heimat wurde vernichtet und deine Familie getötet.

Ich lasse meine Spieler einen Hintergrund während der Charaktererstellung auswürfeln. Diese und noch mehr Tabellen für Charakterhintergründe gibt es übrigens auch hier: https://kritischerfehlschlag.de/charakterhintergrund-generator/. Nun kann man entweder daran gehen, sofort gemeinsam mit der Gruppe etwas zu fabulieren oder man lässt es erstmal sacken und entwickelt irgendwann selbst etwas. Die Königsklasse ist ein verbindendes Element aber fangen wir erstmal mit Beispielen für persönliche Questen an. Ich schicke voraus, das 1,3 und 5 mehr oder weniger auf dasselbe hinauslaufen aber es sind auch die stärksten Hooks für eine Kampagne.

Wie nutze ich den Würfelhintergrund – Einzelbeispiele

Leider braucht es ab jetzt doch etwas Fantasie, im Leben kann man nicht alles auswürfeln. Ich versuche zu erklären, wie ich assoziiere. Dafür nehme ich die Charakterklasse und den ausgewürfelten Hintergrund. Das Folgende sind Beispiele, es gibt natürlich viel mehr Ideen.

1 mit Assassine, Kämpfer, Waldläufer oder Druide: Das ist relativ straight – man hat den falschen ermordet und wird gejagt. Aber warum musste das Opfer sterben? Vielleicht für eine gute Sache? War es ein schrecklicher Despot?

1 mit Dieb: Es gibt Leute, die man nicht bestehlen sollte, zum Beispiel die eigene Diebesgilde oder einen ihrer Verbündeten. Hatten diese schreckliche Pläne, die aufgehalten werden mussten?

1 mit Paladin, Mönch oder Kleriker: Spicy, warum begeht man ein schreckliches Verbrechen, wenn man einer der Guten ist? Hat der Paladin vielleicht sein Ordensoberhaupt erschlagen, weil dieser insgeheim einem finsteren Kult angehörte?

1 mit Zauberkundiger: Wir gehen jetzt mal davon aus, dass unser SC kein böser Hexenmeister ist sondern missverstanden wurde. Gibt es eine Verschwörung an seiner Akademie oder in seinem Zirkel? Wollen die Zauberer die Weltherrschaft und unser SC hatte etwas dagegen? Hat er vielleicht eine wichtige Ritualzutat entwendet?

2: Ist generell eine Wildcard. Wenn alles nur Einbildung ist, kann es einfach ein ganz witziger Charakter sein. Aber was, wenn es stimmt? In einer meiner Kampagnen IST ein Charakter ein legendärer Halbgott, der in einem Ritual beschworen wurde, um ein zurückgekehrtes Übel zu bekämpfen. Leider hat er sein Gedächtnis verloren.

3 mit Dieb oder Assassine: Das Aladin-Ding – Der SC sollte etwas besorgen und hat es für sich selbst behalten. Wahrscheinlich stellte sich der Auftraggeber als böser Großwesir und das Objekt der Begierde als Teil der Weltvernichtungsmaschine heraus.

3 mit Kämpfer, Zauberkundiger oder Waldläufer: Der SC war Teil einer bösen Organisation, weigerte sich aber, etwas besonders abscheuliches zu tun und desertierte.

3 mit Paladin oder Kleriker: Vielleicht wurde der Kleriker abgeordnet, um einem Adligen beim Befrieden seines Landes zu helfen und stellte fest, dass er auf der falschen Seite eines sehr gerechtfertigten Bauernaufstandes kämpfen sollte.

3 mit Druide: Der Zirkel ging zu weit, als er ein Dorf auslöschen wollte, um den Nistplatz der gemeinen Graugans zu bewahren. Solch ein Vorgehen passt auch gar nicht zum Oberdruiden, irgendwas ist faul.

4: Die Familie des SC ist natürlich aus großem Unrecht in diese Lage gekommen. Wenn es doch nur einen Helden im Wald geben würde, vorzugsweise in Strumpfhosen, der dem Despoten die Stirn böte.

Ich schenke mir an dieser Stelle mal die Ausführungen von den Würfelergebnissen 5 und 6. Ich glaube, die allgemeine Richtung ist klar. Jeder Charakter hat einen klaren Feind, eine Verbindung zu diesem und in mehreren Fällen sogar etwas, was dieser Feind haben will. Diese Feinde sind die Leutnants. Allein daraus kann man nun für jeden Charakter einen Plot entwerfen, der locker ein halbes Dutzend Spielsitzungen umfasst. ODER…

…Es gibt einen Oberbösewicht

Und beim Oberbösewicht laufen natürlich alle Fäden zusammen. Naturgemäß ist eine der Charaktergeschichten enger mit dem Oberbösewicht verknüpft als die anderen. Ich empfehle hier, den Spieler zu wählen, der am zuverlässigsten bei jeder Runde dabei ist.

Was will der Oberbösewicht? Macht! Wann will er sie? Jetzt sofort!

Der in Fachkreisen auch Big Bad Evil Guy oder BBEG genannte Superschurke kann weltliche oder übernatürliche Ziele verfolgen. Er hat immer farbenfrohe Leutnants, die in noch engerer Verbindung zu den einzelnen Charakteren stehen. Auch hier gebe ich einfach mal einige Beispiele von vielen Möglichkeiten.

Weltliche Ziele:

  1. Die Kampagnenwelt könnte aus vielen kleinen Fürstentümern oder Stadtstaaten bestehen, der BBEG möchte daraus ein großes Reich machen. Dafür erschafft er eine Bedrohung von außen, damit sich alle unter seinem Banner sammeln müssen. Er stachelt zum Beispiel Barbaren, Orks und/oder Banditen auf, das Land zu terrorisieren und spielt sich als Retter auf.
  • Die Kampagnenwelt könnte nur aus einer großen Stadt mit Umgebung bestehen. Der BBEG will Kalif anstelle des Kalifen werden. Darum muss der Kalif entweder sterben oder als unfähig angesehen werden. Der BBEG könnte ein altes Unheil beschwören wollen, dieses dann „besiegen“ und als Retter dastehen wollen. Wenn das mal klappt.
  • Die Kampagnenwelt könnte so aussehen, dass Menschen erst seit Kurzem in diesem Grenzgebiet siedeln, das primär von Elfen bewohnt wird. Eine elfische Splittergruppe will die Fremden vertreiben und ruft dafür mit Ritualen Naturkatastrophen hervor. Wäre eine Schande, wenn ein Erdbeben einen Drachen oder sowas wecken würde.
  • Vielleicht ist der BBEG ein ganzer Zirkel von Zauberkundigen, die der Meinung sind, dass der Feudalismus ausgedient hat und es Zeit für die Herrschaft der Magier ist. Rituale, uralter Schrecken etc.

Übernatürliche Ziele:

  1. Der Klassiker schlechthin ist natürlich der finstere Kult, der seinen verbannten Gott/Dämon zurück auf die Welt bringen will. Dafür braucht es ein Ritual und so weiter.
  • Eine Spielart davon ist der Kultführer, der selbst die Göttlichkeit erreichen will. Ritual!
  • Der absolute Nihilismus, die Zerstörung der Welt, ist immer eine Reise wert. Dafür muss es aber einen zumindest einigermaßen nachvollziehbaren Grund geben. Kommt der BBEG vielleicht von einer anderen Welt?
  • Es gibt einen noch größeren, böseren Schurken. Der BBEG dachte vielleicht, dass er seine tote Familie zurückholt oder die Unsterblichkeit erringt. Stattdessen ruft er Orcus aus der Hölle herbei. Ups.

Die viel wichtigeren Unterbösewichte

Ich habe die Leutnants eben völlig zu Unrecht in einem Nebensatz abgehandelt. Sie sind aber die zentralen Figuren der Kampagne. Man kann Rollenspielern nicht den Erzschurken vor die Nase halten, denn dann machen sie Unsinn. Es braucht Unterschurken, die ruhig sterben dürfen und eine Verbindung mit den Charakteren haben.

Beispiele sind: Der böse Chef der Diebesgilde, der korrumpierte Anführer des Paladinordens, der gefallene Erzdruide, der gierige Baron, der Häuptling der Orks/Barbaren/Echsenmenschen, der heimliche Kultist, der Anführer der Streitkräfte etc.

Diese Leutnants sollten direkt in den Hintergrundgeschichten der Charaktere eine Rolle spielen. Sie alle erhoffen sich etwas vom Oberbösewicht und seinen Plänen. Oder sie werden von ihm erpresst/gezwungen und werden dadurch zu tragischen Schurken. Das würde ich aber nicht überstrapazieren.

Und so mache ich aus einem Würfelwurf eine Rollenspielkampagne.

-Seba

Veröffentlicht von Seba

Schreiberling aus Hamburg

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