Die dunkle Seite der Rollenspielconventions

Dies ist ein Gastbeitrag zum Kritischen Fehlschlag von Alina

Ein absolut ernst gemeinter Convention-Knigge für Spieler und Spielleitungen

Conventions, die Treffen der Pen-and-Paper-Gemeinde. Ein oftmals jährliches Zusammenkommen von Gleichgesinnten und Freunden des Rollenspiels. Was für den Metaller Wacken und für den Grufti das WGT ist, das ist für den Pen-and-Paper-Begeisterten der Gang zu einer der zahlreichen großen, kleinen, bekannten oder unbekannten Conventions. Hochwertige Nerddiskussionen, spannende Spielrunden, das Kennenlernen neuer Systeme, gutes Essen und eine freundliche Community. Das versprechen Conventions. Es könnte alles ein so schöner eskapistischer Ausflug aus dem Alltag sein, wäre da nicht dieser Schlag Menschen, der das intrinsische Talent hat, die Stimmung und die Geduld ihrer Mitmenschen effektiv zu strapazieren. Aus diesem Grunde gibt es jetzt den ersten Knigge für Rollenspielconventions, um Verhaltensmaßstäbe, die mindestens erwartet werden, an die breite Masse zu bringen.

Du bist Spieler auf einer Rollenspiel-Convention

Die erste Hürde ist natürlich, einen Platz in einer der heißbegehrten Spielrunden zu bekommen. Du solltest auf jeden Fall schon mindestens eine halbe Stunde, bevor die Rundenzettel von der Orga öffentlich ans Brett gehängt werden, bereits mit gezücktem Stift vor der Wand stehen und dich ganz nach vorne gedrängt haben. Setze deine Körpermasse ein und nehme keine Rücksicht auf kleinere, leichtere oder gar Kinder. Hier gilt das Recht des Stärkeren! Noch effektiver ist es, dem Menschen von der Orga die Blätter aus der Hand zu reißen. So hat wirklich niemand eine Chance, dir zuvorzukommen.

Hast du den ersten Schritt gemeistert und einen prominenten Platz vor der Rundenaushangswand eingenommen, so trage deinen Namen in möglichst viele Runden ein. Auch in solchen, die gleichzeitig stattfinden oder sich überschneiden. So hast du die Möglichkeit und die maximale persönliche Freiheit, dich spontan zu entscheiden, worauf du gerade Lust hast. Dich bei den anderen Runden abmelden oder dich wieder rausstreichen, damit jemand anderes die Gelegenheit bekommt, teilzunehmen? Warum solltest du? Ist doch nicht dein Problem. Außerdem geht das rein zeitlich auch nicht, wenn du dich in letzter Sekunde noch entscheiden willst, ob du lieber bei Marc DCC, bei Lena Myranor oder bei Daniel Shadowrun spielen willst…oder doch die Candela Obscura Runde bei Marie?

Ein kleiner Tipp für Fortgeschrittene: Bist du bereits in einem bestimmten System unfassbar gefestigt und stehst was die Regeln und die Welt angeht, so richtig tief im Saft, dann spiel in angebotenen Runden zu diesem System mit. Aber nicht, weil du das System magst, sondern um allen zu beweisen, dass du wesentlich besser darin bist als die Spielleitung. Wird auf deine Diskussionen – zugunsten des Spielflusses – nicht eingegangen, dann packe das Regelwerk und weitere Zusatzbände aus und knalle diese demonstrativ auf den Tisch. Baue dabei den Turm aus Büchern immer höher, bis man endlich auf deine Kritikpunkte eingeht oder du nicht mehr zu sehen bist.

Die Runde beginnt bald. Das ist jedoch kein Grund zur Eile. Die gute akademische Viertelstunde Verspätung gehört ja wohl zum guten Ton und markiert hier gleich wirksam dein Niveau. Sitzt du dann am Tisch, so ist es entscheidend, dass du erstmal dein Frühstück isst. Später könnte es ja nichts mehr vom guten Chili geben. Brösel und Kleckse machst du natürlich nicht weg. Du bist ja nicht bei dir daheim. Etwaiger Müll bleibt am Ende genauso wie leere Flaschen und benutzte Teller ebenfalls einfach liegen. Aber das erst später. Noch befinden wir uns am Anfang der Spielrunde. Zunächst solltest du die vorerstellten Charaktere kritisch betrachten und diese ausgiebig bemängeln. Auch wenn die Spielleitung äußert, wie viel Herzblut und Mühe sie in die Charaktere investiert hat, nehme diese gnadenlos als “flach”, “unkreativ”, “generisch” oder “dumm” auseinander. Wähle dann aus taktischen Gründen den mit den höchsten Attributwerten, aber lese dir keine weiteren Details oder gar den Hintergrund auf dem Charakterbogen durch.

Beginnt die Spielrunde, vergiss nicht die Spielleitung, nach jedem angefangenen Satz ins Wort zu fallen und über Details oder den Mangel an Realismus zu diskutieren. Jede gefühlte Unstimmigkeit sollte lautstark diskutiert werden. Wenn andere Spieler sprechen, dann falle auch ihnen ins Wort und lasse niemanden ausreden. Immerhin ist das alles hier nur für dich und du bist der strahlende Hauptcharakter. Wenn ein Mitspieler dich bittet, dass du still sein solltest oder andere erstmal ausreden lassen sollst, dann zieh ein beleidigtes Gesicht, äußere dich passiv oder aktiv verbal aggressiv und funkle denjenigen durchgehend böse an. Kommt die Kritik an dich von der Spielleitung, mache ihr klar, dass sie schlecht ist und nicht auf deinen Charakter und dessen Aktionen so eingeht, wie du es verdienst.

Apropos Aktionen. Beschreibt die Spielleitung einer immersiven Horrorrunde, dass ihr in einem stockfinsteren, engen Raum eingesperrt worden seid, äußere, dass das gar nicht gruselig ist. Immerhin ist es hell am Tisch und vom Chili hast du zwar Blähungen bekommen, aber du bist schön satt und zufrieden. Ignoriere Hinweise oder mache allen klar wie unwichtig, dumm oder unpassend diese sind. Halte die anderen Spieler aktiv davon ab, Hinweisen zu folgen. Bei Nichtspielercharakteren solltest du stets übermäßig gemein, unsympathisch und brutal sein und diese auch grundlos angreifen. Kommt auf deine Aktion eine Gegenreaktion, die dir nicht gefällt, dann erinnere die Spielleitung daran, wie unfair und ungerecht du das findest. Beschwert sich ein Mitspieler über etwas, was dein Charakter macht, dann zucke mit den Schultern und äußere im lässigsten Tonfall: “It’s what my character would do”. So machst du dich argumentativ unangreifbar.

Sei während des Spiels ausschließlich auf Würfelwürfe fixiert. Misslingt ein Wurf, dann akzeptiere das nicht einfach und diskutiere. Immerhin hätte dir die Spielleitung einen Bonuswürfel einräumen können und hat sicherlich nicht alle machbaren Modifikationen auf deine letzte Probe berücksichtigt. Dein Charakter darf nicht scheitern. Wenn deinem Charakter etwas passiert, was dir nicht gefällt – auch wenn es eine direkte logisch erwartbare Folge deiner eigenen Entscheidungen ist – steh auf, mach deinen Ärger lautstark kund, beleidige die Spielleitung und verlasse stampfend und Türe knallend die Runde. Die ausliegenden Würfel, die die Spielleitung für alle auf den Tisch verteilt hat, nimmst du trotzdem als Entschädigung mit. Auch außerhalb der Spielrunden solltest du anderen Conbesuchern deine Ansichten, Meinungen und Themen ungefragt verbal aufdrücken. Am besten tust du das, wenn gerade eine kleine Gruppe oder zwei Personen bereits in ein laufendes Gespräch vertieft sind. Ein angemessener Abstand zum Gesprächspartner ist erreicht, wenn sich eure Nasenspitzen berühren. Nach der ersten Runde beschließt du nun früher abzureisen als geplant. Dich für die anschließende Runde abmelden, damit ein anderer die Möglichkeit hat nachrücken? Warum solltest du? Nach dir die Sintflut.

Du bist Spielleitung auf einer Rollenspiel-Convention

Schritt eins betrifft die Vorbereitung auf die Veranstaltung. Du denkst, jetzt kommt der Tipp, das Abenteuer sorgsam und liebevoll vorzubereiten? Weit gefehlt. Das solltest du generell nicht tun. Improvisieren ist immer besser, auch wenn es dir dabei klar an Talent mangelt und du lässt dich doch nicht auf das Niveau herab eines dieser Kaufabenteuer zu leiten. Aber was sollst du nun vorbereiten? Richtig. Mindestens drei Tage vor der Con werden weder die Klamotten gewechselt, noch geduscht. Aber warum? Am besten einfach machen und weniger hinterfragen.

Kommen wir nun zum Eingemachten. Jeder hat so richtig Bock auf Runden, die mindestens 12 Stunden lang sind. Vor den 12 Stunden reine Spielzeit, müssen sich deine Spieler drei Stunden davor mit dir zum Charakter erstellen treffen. Dafür müssen sich die Spieler auch gefälligst die Zeit nehmen.  Wenn die Runde am Ende nicht harmoniert oder mit deinem Stil nicht klar kommt: Pech gehabt! Die Spieler haben mit dir gemeinsam die 12 Stunden am Tisch zu bleiben und auszuhalten.

Natürlich hast du nicht an Namen für deine spontan improvisierten Nichtspielercharaktere gedacht. Diese heißen zu 50% Bob und zu 50% Dave. Ganz egal welches Setting. Wichtig ist es zudem, jeden NPC so zu gestalten, dass absolut alle die gleiche Persönlichkeit teilen. Es gibt keine Varianz in Stimme, Sprechweise oder Verhalten. Alle sind zu 100% identisch. Besonders gut werden deinen Spielern diese NPCs gefallen, wenn diese gemein, arrogant und durchgehend sarkastisch sind.

Am besten wird deine Runde in Überlänge, wenn du sie überraschend und ohne Vorwarnung mit pikanten Themen würzt. Deine persönlichen sexuellen Fantasien und Fetische können hierbei federführende Inspiration liefern. Vor allem weibliche NPCs brauchen keine nennenswerten Charaktereigenschaften. Um Herrn Lindemann zu zitieren: “Sie muss nur dicke Titten haben”. Generell solltest du auf Tools wie X-Card oder Sensibilität im Allgemeinen verzichten. Selbst Schuld, wenn ein Spieler so dünnhäutig ist und sich sofort gleich immer angegriffen fühlt.

Ganz entscheidend ist es zudem, sehr sehr sehr sehr sehr sparsam und geizig mit Hinweisen zu sein. Scheitert ein einziger Würfelwurf ist das Abenteuer gelaufen, der Plot nicht mehr lösbar und für deine Spieler vorbei – aber erst nach den 12 Stunden, die deine Runde dauert. Gehe generell niemals auf die Ideen der Spieler ein. Immerhin erzählst du deine Geschichte und die Charaktere der Spieler nerven dabei nur. Du musst gegen die Spielercharaktere spielen. Alle NPCs hassen sie, ihnen passiert unnötig Schlechtes und wird deine Autorität nicht anerkannt, schlägt der Blitz vom Himmel und tötet den Charakter des unliebsamen Spielers. Immerhin bist du Gott und die Gruppe hat das anzuerkennen.

Außerhalb deiner 12 Stunden langen Runde solltest du zeigen, dass du zur geistigen Elite des Rollenspiels gehörst und über jedes System lästern und herziehen, welches nicht zu deinem Repertoire gehört. Ganz gleich, ob du es kennst oder nicht. Vor allem das, was von den großen bekannten Verlagen kommt, findest du Mainstream und ziemlich doof. Du kaufst die Bücher trotzdem, weil du vorhast, Crossover mit den Systemen zu machen. Dabei fühlst du dich wahnsinnig kreativ. Du weißt es ja selbst: Würdest du anfangen deine Runden zu streamen, dann wäre dein Projekt in Lichtgeschwindigkeit das nächste Critical Role. In Wahrheit willst du mit dem exzessiven Kauf von Rollenspielartikeln und Würfeln nur deine innere Leere füllen. Doch bevor es zu küchenpsychologisch wird, kommen wir zum Ende unseres Knigge-Ratgebers für Rollenspiel-Convention-Besucher.

Die Con kann losgehen

Anschließend bleibt zu sagen: Danke, fürs hierher lesen. Der Text ist nicht ganz so ernst, wie im Untertitel behauptet. Bleibt immer freundlich und nehmt Rücksicht auf andere und auf eure Umgebung. Denkt daran, dass eure Spieler Spaß haben wollen und die Spielleitung auch nur ein Mensch ist. Auch die Orga hat sich viel Arbeit gemacht, alles schön für euch herzurichten. Wenn euch noch mehr einfällt, welche Verhaltensweisen und Manieren auf Conventions im Ratgeber vergessen worden sind, schreibt sie gerne in die Kommentare.

Gehabt euch Wohl.

Veröffentlicht von Seba

Schreiberling aus Hamburg

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