Ich habe ganz schön lange keinen Artikel über Rollenspiel mehr geschrieben. Irgendwie hat sich die ganze Game-Design-Sache verselbständigt und dann habe ich ja auch noch versucht, einige Beiträge zum Fanzine-Wettbewerb vorzustellen.
Aber heute morgen hat mich mein Sohn gefragt, wie man eigentlich Geschichten erzählt. Und da es 2025 ist, beute ich diese Interaktion natürlich für Content aus. Kleinkindern Geschichten erzählen und emergent play im Rollenspiel funktionieren nämlich ungefähr gleich.

Und da waren sie wieder, meine drei Probleme
Vorab kurze Begriffsklärung: Emergent play bedeutet, dass man keine Geschichte vorbereitet hat, sondern einfach beim Spielen schaut, was passiert. Wir bereiten also keinen Plot vor, sondern Probleme. Und das wichtige Improvisationstalent dabei ist, sich schnell neue Probleme ausdenken zu können. Wahrscheinlich sind deutsche Spielleiter:innen deshalb so gut, weil sie in allen Dingen Probleme sehen.
Es folgt ein komplett fiktives (und absurdes) Beispiel einer Spielrunde:
SL: Ihr geht den Weg entlang, als ihr plötzlich ein verängstigtes Maunzen über euch hört.
Spielys: Was maunzt denn da oben?
SL: Eine kleine rötlich-braune Katze schaut zwischen den Blättern einer großen Eiche auf euch herab. Offensichtlich versucht sie, eure Aufmerksamkeit zu ergattern, denn erneut maunzt sie laut. Sie kommt da wohl nicht mehr herunter.
Spielys: Dann rufen wir mal die Feuerwehr.
SL: Da geht keiner ran.
Spielys: Dann gehen wir da hin und holen sie persönlich.
SL: Als ihr bei der Feuerwache ankommt, seht ihr, dass Menschen mit Schildern den Eingang blockieren und ziemlich schlecht gereimte Forderungen skandieren. Offensichtlich ein Generalstreik.
Spielys: Dann klauen wir ein Feuerwehrauto.
SL: Natürlich tut ihr das. Die Leute sind zwar mit ihren Schildern und Forderungen beschäftigt, aber haben dennoch das Gelände im Blick. Das wird nicht leicht, ungesehen ein Feuerwehrauto zu erreichen.
Spielys: Dann zünden wir als Ablenkung das Haus auf der gegenüberliegenden Straßenseite an. Feuerwehrleute können da bestimmt nicht widerstehen.
SL: Selbstverständlich, was auch sonst. Würfelt mal auf Brandstiftung.
Spielys: Ups, versagt.
SL: Der Feueralarm geht los, und nach einem Moment der Verwirrung lassen die Streikenden ihre Schilder fallen und laufen auf das Haus zu, das langsam anfängt zu brennen.
Spielys: Okay, Jürgen und Erika nutzen die Gunst der Stunde, um das Feuerwehrauto kurz zu schließen. *würfel* Geschafft!
SL: Ihr sammelt die anderen ein und macht euch auf den Weg zur Katze. Aber plötzlich hört ihr ein vertrautes „Tatü-Tata“ hinter euch, während vor euch ein Hubschrauber auftaucht.
Spielys: Ich wirke Feuerball!
Naja, und so weiter und so fort. Die meisten Spielenden würden vielleicht eher versuchen, auf den Baum zu klettern, aber es ist ja nur ein Beispiel. Fakt ist: für so eine Geschichte (oder Rollenspielabenteuer) muss man nichts weiter vorbereiten, als das erste Problem. In diesem Fall: Eine Katze sitzt im Baum fest. Eventuell ist es sinnvoll, ein Problem zu wählen, das nicht ganz so leicht zu lösen ist. Während die Spielys versuchen, das Problem zu lösen, ergeben sich immer neue Probleme.
Die entscheidende SL-Frage: Was kann schon schiefgehen?
ALLES! Als SL ist es deine Aufgabe, bei so ziemlich jedem Schritt der Spielenden das absolute worst-case-Szenario zumindest im Hinterkopf zu haben. Es muss ja nicht jedes Mal passieren, aber es ist eine gute Übung, trotzdem immer darüber nachzudenken.
Nein, und..
Emergent play wird auf vielen Blogs und in vielen Artikeln von sehr intelligenten Leuten mit „Ja, und…“-Impro-Theater verglichen. Ich möchte hier eine klare Lanze für „Nein, und…“ brechen. Wenn eine Spiely fragt: „Funktioniert XY?“, ist die einzig richtige Antwort: „Nein, und der Versuch macht alles noch schlimmer.“
Und so wird man eine echte Problem-SL! Viel Erfolg dabei!
-Seba
🧨🤯 Plötzlich ergibt alles einen Sinn!
Ne ne. Das ist schon realistisch. Genau so läuft das.
Guter Artikel. Danke!
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Ich verstehe den Artikel nicht. Ist der jetzt sarkastisch, zynisch, destruktiv oder konstruktiv gemeint?
Ich dachte auch in emergent play (oder auch einfach Improvisation) wird mit allen Formen und Kombinationen von JA, NEIN, UND, ABER gearbeitet. Zumindest ist das in meinem Umfeld sehr oft so.
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Hi, Christopher
ich versuche immer irgendwie einen unterhaltsamen Ton zu finden, darum verstehe ich, dass das mal als satirisch oder sarkastisch verstanden werden kann. Das ist (wie so oft) ein Tipp, der sich eher an neuere Spielleitende richtet, die Schwierigkeiten haben, Geschichten zu improvisieren. Die Kurzform wäre einfach: „Erwäge bei jeder Entscheidung, die die Spielenden treffen, was für ein interessantes neues Problem sich dadurch auftun könnte.“ Denn letztlich ist Rollenspiel eben genau das: Die SL konfrontiert die Spielenden mit Problemen, die Spielenden versuchen es zu lösen. Dabei tun sich neue Probleme auf. Wenn man keine Lust hat, Plots vorzubereiten, kann man das einfach ewig so weiterspinnen.
Erfahrene Spielleitungen, die bereits einen eigenen Stil entwickelt haben, erfahren hier natürlich nichts Neues oder Revolutionäres.
MfG,
-Seba
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Hi Jan,
freut mich, dass du dich da wiederfindest 😉
MfG,
-Seba
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