QGIS und wie man damit Rollenspiel machen kann

Verfasst von Topflappen und Zeoko.

Hey, ich bin Zeoko (kurz Zeo) und wurde von Rackhir und Seba hierher eingeladen. Zusammen mit Topflappen werde ich hier einige Gedanken niederschreiben, zu dem, was uns im Rollenspiel umtreibt. 

Wenn ich über QGIS und Rollenspiel spreche, zitiere ich gern den Spruch: "Mit Kanonen auf Spatzen schießen"
Ich erkläre hier heute erstmal kurz das Konzept, das wir verfolgen wollen. Danach die Story, wie wir dorthin gekommen sind und Topflappen erklärt, wie QGIS funktioniert und wie es uns hilft Rollenspiel Material aufzuarbeiten für unsere Runde. Danach schreib ich kurz noch was zum Stand unser Arbeit.
Konzept:
Ja, für einen One-Shot macht man das nicht, das stimmt schon. Aber wenn man von einer Reihe/System eh plant, alle Abenteuer zu spielen? Diese dann auch vielleicht in einen Zusammenhang zu bringen? Wenn man Open-Table und Sandbox gut findet? Wenn man will, dass die Spieler:innen selbst sagen, was sie erkunden wollen und sich ihren Weg in der Welt suchen sollen? Will man dann wirklich 10 Bücher rumschleppen? Will man dann wirklich mehrere PDFs und Internetseiten beim leiten geöffnet haben?
Ist es da nicht besser oder einfacher, alles mit einem Klick in einem Programm zu haben, vielleicht sogar auf dem Smartphone? Oder ist das nur unsere Generation, die keine Geduld mehr hat? Aber wir sind ja heute hier, um QGIS zu erklären und wie wir das nutzen für unsere Beyond the Wall Runden.
Ich dachte mir dann irgendwann: Macht es nicht viel mehr Sinn, alles in die Form zu pressen, die ich zum Leiten brauche? Alle Bücher und PDFs unterscheiden sich in ihrem Aufbau, Leute haben sich da viel Mühe gegeben, das ist klar. Immer wieder las ich über alte Module, die unbedingt zu spielen seien oder die unmöglich zu leiten wären. Zusätzlich wollte ich eine Form, die es mir ermöglicht, schnelle Entscheidungen zu treffen! Langeweile tötet jede Runde und langes Suchen finde ich als Spieler schon langweilig und in pdfs suche ich eh mit Strg+f. 
Ich geb’s zu, ich bin im Hobby erst seit Corona und die Fülle an Material erschlägt mich immer noch. Was ist gut? Was sollte ich mir zulegen? Die Rezensionen alle lesen kostet auch Zeit. Da war mein Gedanke, warum das nicht sortieren? In Datenbanken mit grafischer Oberfläche und direkt aus einem Programm leiten? 
Das war meine Entwicklung von 2022 bis 2024. Es sollte noch 2 Jahre dauern, bis sich dieser Gedanke so formulieren konnte und wir heute nun davon schreiben können.
Story:
Aber nochmal von Anfang an. Wir gehen zurück ins Jahr 2022. Ich hatte damals eine Tischrunde für Beyond the Wall. Mit der hatte ich die Kampagnen-Erstellung von "In die Ferne" gemacht. Es war so gut, so schön und hat allen Spaß gemacht. Und dann ging es nicht weiter. Leute sind weggezogen, die Runde zerfiel, das typische Problem. Die erste Karte entstand klassisch mit Papier und Stift, dann habe ich gemerkt, dass das zu langwierig ist und wenn sich etwas ändert, muss man drüber zeichnen oder … man ist angearscht und muss neu zeichnen.
Session Zero mit Notizen aus “In die Ferne”
Dann experimentierte ich mit Inkarnate, das war super zur Orientierung und um mir klar zu machen, was ich eigentlich wollte. Aber es war ein Onlinetool, das wäre blöd, da ich daran gebunden wäre und Geld zahlen müsste, wenn ich mehr damit machen will.
Inkarnate Karte, noch nach links gedreht.
Dann halt mit Photoshop. Nebenbei fing ich dann an zu erdenken, wie die Karte gefüllt werden könnte. Alle Beyond the Wall Abenteuer in einer Welt, also muss die Karte größer werden. Dann kam der Gedanke, dass unterschiedliche Runden in dieser Welt spielen könnten. Und so wurde dann irgendwann auch die Photoshop-Karte zu groß und sprengte die Kapazität meines Rechners.
Karte des Kontients in Photoshop, nachgemalt von der Inkarnate Karte und eingenordet.
Zusätzlich formte sich der Gedanke, die Texte, die ich in Google Docs hatte, mit der Karte zu verbinden, um direkt sagen zu können, was in welcher Region und welcher Location oder Schauplatz abgeht, während des Leitens.
Hat da jemand eine Idee?
14.02.2024 [21:21] Topflappen: Ne Hexagon Karte würd ich bestimmt auch hinkriegen. 
QGIS

Ja, hallo, Topflappen hier. Ich durfte bei Zeo das erste Mal 2024 Beyond the Wall spielen und er hat mir mit Begeisterung seine Karte gezeigt und mir ein bisschen von seinen Plänen erzählt. Da ich Karten toll finde und ich mich auch ein bisschen mit deren digitalen Erstellung auskenne, hab’ ich dann einfach tollkühn gesagt, dass ich sowas machen kann. 

Vielleicht sollte ich aber erstmal erklären, was GIS bzw. QGIS überhaupt ist, bevor wir da tiefer in die Materie einsteigen.

GIS steht dabei für Geographisches Informationssystem. Also ein Programm, ein Stück Software, das Geodaten darstellen und verarbeiten kann. Die meisten dürften wohl schon einmal mit Google Maps etwas gemacht haben, sei es einen Ort auf der Karte suchen, eine Route planen oder Bewertungen von einem Restaurant lesen. Das alles und viel, viel mehr kann so ein GIS auch. Einen Atlas erstellen, der am Ende aussieht wie ein Diercke-Weltatlas aus dem Geographie-Unterricht? Kein Problem. Ein digitales Geländehöhenmodell zur Weiterverarbeitung in Blender aufarbeiten, um das Ganze am Ende in den 3D-Drucker zu schubsen? Klar, warum nicht. Einen neuen Stadtpark mit Bäumen, Wegen und Beeten planen? Auf jeden Fall! Wir müssen das Programm dafür nur mit den entsprechenden Daten füttern – oder sie uns eben selbst ausdenken.
QGIS ist ein solches Programm. Nicht das Einzige auf dem Markt, aber dafür kostenlos und Open Source, sodass es sich theoretisch jede/r zulegen könnte. Es wird gemeinsam von einer großen Gruppe Menschen aus allen möglichen Ländern immer weiter entwickelt und verbessert. Und seit einigen Jahren gibt es dazu sogar noch eine App für’s Smartphone namens QField – aber dazu später mehr.

Der letzte Stand der Karte von Zeo mit Photoshop erstellt.

In diesem Fall hatte ich mit Zeos Karte schon ein gutes Bild davon, was ich in mein QGIS-Projekt übertragen wollte. Das ganze Ding sollte aus Hexagonen bestehen, mit einer bestimmten Anzahl pro Reihe und Spalte. Dazu wusste ich, was die Dimension eines einzelnen Hexagons sein sollte. Damit lässt sich ein Algorithmus in QGIS füttern, der nach wenigen Sekunden das gewünschte Gitter aus Sechsecken ausspuckt. 

Sechseck-Raster in QGIS vor einer Basiskarte von ©OpenStreetMap  (https://www.openstreetmap.org/copyright)

So weit, so einfach. Aber ein Sechseck zu malen und dann zu vervielfältigen, das können Grafikprogramme ja auch, also was ist jetzt der große Unterschied?
Der Charme an dieser Art Geodaten ist Folgendes: Sie bestehen nicht nur aus der grafischen Komponente, in dem Fall einem Haufen sechseckiger Polygone, sondern dazu kommt noch eine Tabelle. Diese kann quasi beliebig viele Spalten haben und jede Zeile enthält Informationen zu einem bestimmten Polygon. Das kann einfach eine fortlaufende ID sein, ein Datum, eine Zahl oder eben Fließtext. 

Diese Tabelle konnte ich also befüllen mit den Informationen aus der Basiskarte von Zeo: so sind manche Hexfelder beispielsweise Wald und andere Meer, es gibt Berge, Sumpf- und Wüstenfelder. Gleichzeitig kann ich aber noch weitere Informationen in der Attributtabelle hinterlegen. Welches Feld zu welchem Königreich gehört zum Beispiel. In welcher Klimazone es liegt oder wie gefährlich es dort ist. 

Noch sieht auf der Karte aber immer noch vieles gleich aus?! Ja, das sind alles Polygone in derselben Farbe – wie langweilig! Aber hier kommt eine weitere, sehr mächtige Funktion des Geoinformationssystems zum Tragen: die Symbologie. Das ist einfach nur der fancy Fachbegriff dafür, wie ein bestimmtes Element auf der Karte aussehen soll. Im Gegensatz zu Photoshop, GIMP oder Paint muss ich jetzt aber nicht jedes Polygon einzeln so ausmalen, wie ich es haben will. Stattdessen kann ich dem Programm einfach ein paar Darstellungsregeln mitgeben, die es dann automatisch umsetzt. Ich fange mit den Basics an: Berge sollen grau sein, Wasser blau, Wüste ockerfarben und Wald dunkelgrün. Und so langsam sehen die Polygone auch ein bisschen mehr nach einer Hexfeldkarte aus. 

Die erste QGIS Version, halb mit Daten. Zur Orientierung liegt darunter eine Basiskarte von ©OpenStreetMap  (https://www.openstreetmap.org/copyright) .

Diese Darstellungsregeln lassen sich auf verschiedenste, kreative Art ausnutzen und verfeinern – und jedes Mal, wenn ich die Tabelle ändere, ändert sich die Darstellung automatisch mit. Dazu kann ich mich aber auch noch weiter verkünsteln. Ein schöner Nordpfeil in der Ecke, ein Maßstabsbalken, oben in der Mitte ein Titel, das ist alles kein Problem. Natürlich sieht das Ganze grafisch noch nicht so krass aus, wie eine Karte aus Inkarnate oder Dungeon Alchemist. Aber dafür kann sie auf die Schnelle alle möglichen Informationen zu einem Feld ausspucken und lässt sich eben auch schnell editieren.

Aber wo kommen jetzt bitte die Zufallstabellen ins Spiel? Dafür machen wir uns eine weitere Funktion von QGIS zunutze: das kann nämlich auch Zufallszahlen ausgeben, die sich am laufenden Band aktualisieren. Ich kann also dem Programm z.B. sagen “Spuck mir mal eine Zufallszahl zwischen 1 und 100 aus” und klicke auf Go, dann bekomme ich eine Zahl zwischen 1 und 100. Klicke ich nochmal drauf, bekomme ich eine andere Zahl, so oft hintereinander wie ich möchte. Und diesen Wert kann ich jetzt mit einer Zufallstabelle verknüpfen. Die kann z.B. Wetterlagen enthalten, Schätze, Zufallsencounter, Gegner und vieles mehr. Ein Klick im QGIS und es zeigt mir das Ergebnis aus der Zufallstabelle an.


Hier sieht man die Attributtabelle in QGIS mit dem ausgewählten Hexfeld und einigen Zufallsfeldern (rand = random).

Aber ich hab’ keine Lust, mir das Ergebnis in einer zunehmend monströsen Tabelle anzugucken… Die nimmt Platz weg und ich brauche ja auch nur ein Feld daraus und nicht die ganze Tabelle, um an die Information zu kommen, die ich will. Dafür lassen sich noch weitere kleine Darstellungsregeln im Programm eingeben. So kann ich z.B. ein kleines Textfeld mit der Info erscheinen lassen, wenn ich für ein paar Sekunden mit dem Cursor über einem Feld schwebe.

So sahen dann erstmal die Zufallszahlen in QGIS aus.
Danke Topflappen, ich übernehme wieder.
Ich habe dann erstmal sehr sehr viel gelesen und gelernt und gehortet, was man noch so einbauen kann. Mittlerweile ist meine Online Bibo fast 100 GB stark und das Bücherregal ächzt. Nicht alles für das QGIS-BTW-Projekt, aber schon ein Großteil davon soll da mal rein. Zuviel? Größenwahnsinnig? Aber hey, was soll ich sagen, das Rollenspiel Rabbithole ist gigantisch. Und so hab ich erstmal ne Kampagne geleitet und Sachen getestet, gespielt und generell einfach Erfahrung gesammelt. 
Screenshot Abbildung QGIS mit Kategorisierter Darstellung mit Hinweistafel des Hexfeldes.
Jetzt sieht das Hinweisfeld so aus, blauer Hintergrund, dunkelblauer Rahmen und es ist alles enthalten, was das HEXfeld betrifft.
Hinweistafel im Detail, diese Daten sind in der Attribute Tabelle von QGIS abgelegt. Die Begegnungen ändern sich wenn der Mauszeiger über dem Feld erneut schwebt.
Wir haben derweil zusammen nach Grafikstilen für die Oberfläche gesucht, uns schwebt ein richtiges Pergament Karten Layout vor. Wege und Flüsse erstellt - auf denen dann auch andere Begegnungen stattfinden können,  als in der umgebenden Region. Es wurden Zufallstabellen als .csv befüllt und in die “Datenbank” eingegliedert (im Augenblick sind es eher Tabellen und noch keine Datenbank). Wir haben dann noch mehr Zufallsfelder für Wetter, für Tavernen, Verletzungen und für Zauberpatzer hinzugefügt. 
Flüsse, Wege und Straßen als Layer in QGIS
Gegenwart
Über viele Einzelschritte sind wir heute dann hier angekommen. Und das ist dank QField sogar auf dem Handy nutzbar. 
Das ist der Schreibtisch, die QGIS Oberfläche, von der aus ich leite.
QField ist die abgespeckte, mobile Version von QGIS und die beiden können einfach miteinander kommunizieren, weil sie dieselben Dateiformate verwenden. Wir haben die QGIS-Datei dafür mitsamt den Layerinhalten exportiert, auf's Handy geladen und dann in QField importiert. Ansehen und sogar editieren kann man die Layer damit auch von unterwegs.
Alle Felder erzeugen Zufallstexte aus den ihnen angegliederten Tabellen. Die Knöpfe linker Hand sind besondere, da diese nicht mit der Karte verknüpft sind und eher Dinge auswürfeln, die dann durch mich als Spielleiter verarbeitet werden müssen, die klassischen Zufallstabellen sind hier hinterlegt werden. Rechts habe ich mir auch in QGIS die Regeln für Beyond the Wall nochmal extra abgelegt. Das Herzstück aber ist die Karte, der Zoom ist automatisch: je dichter ich ran zoome, desto mehr der Inhalte ploppen auf  und zeigen mehr Namen und mehr Symbole. Jedes Hex ist einer Region zugeordnet und es sind Dinge hinterlegt wie welcher Regierung sie angehören, welcher Geländetyp, welche Schwierigkeit, welche Vegetationsdichte in der Region vorhanden ist.
So sieht das momentan in der QFIELD APP aus.
Wichtig ist mir nur noch zu sagen, dass das alles erstmal nur eine Rohversion ist und nur für interne Textzwecke für meine Spielrunden dient, rausgeben werde ich davon nichts. Alle One-Shots der Beyond the Wall Runden, die ich leite, landen in QGIS und wir sind noch lange nicht am Ende der Reise.
ENDE
Mein Dank geht vor allem an:
System Matters https://www.system-matters.de/produkt-kategorie/beyond-the-wall/ und Flatlandgames https://www.flatlandgames.com/btw/more/ für Beyond the Wall. 
Danke auch an die Leute vom Kritischen Fehlschlag Blog. Macht weiter so!
Und danke Topflappen, dass du meine verrückten Ideen immer so krass unterstützt.
Wenn ihr Leser:innen wollt, berichten wir gerne auch noch weiter über das Projekt.

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