Anhang KF: Rackhir – allein gegen den Rest der Welt

Ich will gar nicht versuchen, hier eine biographische Logik zu konstruieren. Ich mag so einiges, was zu verschiedenen Zeiten meines Lebens auf meinem Radar auftauchte, aber da gibt es keine Chronologie. Ich kann nicht mal sagen, warum mich diese Dinge inspirieren und andere nicht.

Ein bisschen thematische Sortierung muss aber schon sein. Zwar gibt es Grenzbereiche und Werke, die die Genre-Schubladen miteinander verbinden, aber nur so kann ich eine gewisse Ordnung reinbringen. Erschöpfend ist es auch nicht und deckt nur ausgewählte Genres ab. SciFi oder Cyberpunk sind raus, obwohl ich meine Shadowrun-Erfahrungen in die Zeit vor und nach Pulp Fiction unterscheide…

Sword & Sorcery

Ich liebe die Klassiker: ein Abenteurer (zu selten: eine Abenteurerin) muss mit Wagemut sein Schicksal in die Hand nehmen. Es geht weniger um große Ideale, es wird keine Welt gerettet. Die Welt ist ungerecht, jeder kämpft für sich allein. Wenn es Götter gibt, sind sie distanziert und transaktional. Conans Stoßgebet vor der Schlacht finde ich einfach unfassbar gut:

Crom, I have never prayed to you before. I have no tongue for it. No one, not even you, will remember if we were good men or bad. Why we fought, or why we died. All that matters is that two stood against many. That’s what’s important! Valor pleases you, Crom… so grant me one request. Grant me revenge! And if you do not listen, then to HELL with you!

  • Robert E. Howard: Conan – so viele Kurzgeschichten! Der Film und die Musik von Basil Poledouris gehören natürlich ebenfalls dazu.
  • Michael Moorcock: Elric of Melniboné, wiederum am besten die ersten Kurzgeschichten.
  • Fritz Leiber: Fafhrd and the Gray Mouser – manchmal lustig, manchmal spannend, manchmal cringe.
  • C.L. Moore: Jirel of Joiry, auf dass diese Heldin wieder bekannter wird.

Natürlich bedienen nicht wenige dieser Geschichten, besonders von Howard und Leiber, rassistische oder frauenfeindliche Stereotype. Das will ich nicht schönreden und damit wird man konfrontiert, wenn man sie liest. Insofern möchte ich in Zukunft mehr zeitgenössische, progressive Sword & Sorcery suchen.

Mich inspirieren auch andere fantastische Werke. Ich mag, wo es dreckig wird, wo sich Abgründe auftun, wo der Horror aus dem Innersten der Menschen kommt statt aus übernatürlichen Kreaturen. Ist das Dark Fantasy? Keine Ahnung.

  • François Marcela-Froideval, Olivier Ledroit: Die Chroniken des Schwarzen Mondes. Ein tolle, witzige, düstere Comicserie.
  • Joe Abercrombie: Die First Law-Trilogie und die Nachfolgebücher. Die Tragödie ist in der Fantasy ohnehin eine unterschätzte Stilform.
  • Glen Cook: The Black Company. Ein Klassiker der Military Fantasy.
  • Die Hexenromane von Terry Pratchett passen auch in dieses Spektrum. Aber ich mag eh alles von PTerry.

Aber über diese Themen sollte man nicht nur lesen, man sollte sie auch fühlen und erleben, und das kann ich am besten über Musik. Neben dem Soundtrack von Conan und anderen Filmen (Last of the Mohicans oder Dark Crystal sind auch toll) höre ich meistens Dark Ambient-Mixe und Dungeon Synth, wenn ich etwas schreibe.

Cosmic Horror

Mein anderes großes Thema ist der kosmische Horror – dieses kaum greifbare Schwindelgefühl, das sich einstellt, wenn man über die Vergänglichkeit der Menschlichkeit in einem sinnlosen, ja feindseligen Universum nachdenkt. Dieses Genre hat mir in jungen Jahren den Kopf verdreht und ich liebe es immer noch, solche Momente der deep time ins Spiel einzubringen.

Hier sind es natürlich die Kurzgeschichten von H.P. Lovecraft, die wesentliche Elemente des Genres definieren, für die aber die Warnungen vor Rassismus und Misogynie doppelt und dreifach gelten. Wem das zu viel ist oder wer Lovecraft barocken, „Adjektive auf 11 gedreht“-Stil nicht mag, kann auch zu Ramsey Campbells Kurzgeschichtensammlung „The Inhabitant of the Lake“, zu Arthur Machens „The Great God Pan“ oder zu den Geschichten um den König in Gelb von Robert W. Chambers greifen.

An der Grenzfläche von Cosmic Horror und Sword & Sorcery existiert, nein thront, Clark Ashton Smith. Die Kurzgeschichten aus dem Zothique-Zyklus haben mich wirklich verzaubert („The Weaver in the Vault“ ist ein absolutes Meisterwerk!) und ich hoffe, dass seine Hyperborea-Geschichten ähnlich gut sind. Smiths Geschichten spielen auf sterbenden Erden voller Dekadenz und Verfall. James Maliszewski bringt es auf den Punkt:

Doom is inevitable, but it arrives wrapped in velvet. This, too, comes from poetry, from the Decadent tradition that finds fascination in decline and ruin. For Smith, decay is not merely tragic; it is strangely lovely.

Diese Vorstellung einer dekadenten Welt, die kraftlos auf ihr Ende zutorkelt, betrunken von ihren Exzessen und altem Glanz, hat meine Zalú-Kampagne beeinflusst, genauso wie die Bilder von Melniboné aus den Elric-Romanen und der Film Event Horizon.

Dieselbe Ästhetik von Düsternis, vom Unnütz allen Strebens und der Verwundbarkeit der Menschen durch höhere Mächte sehe ich in Bildern von Jakub Rozalski und ähnlichen Künstler:innen (hier schon einmal andiskutiert), aber auch in klassischer Malerei, z.B. Arnold Böcklins Toteninsel, Bildern von Hieronymus Bosch und den Holzschnitten zum Totentanz von Hans Holbein dem Jüngeren.

Sandboxes

Ich bin einer von diesen Leuten, die Player Agency für das Größte am Rollenspiel halten. Soll heißen: Ich mochte schon immer diejenigen Computerspiele am besten, in denen ich Freiheit habe, meinen eigenen Weg zu gehen. (Gilt übrigens auch für Brettspiele wie Barbarian Prince.)

Weil ich ein alter Sack bin, der seit 1999 kaum noch was am Computer spielt, hier ein paar Klassiker:

  • Pirates – das platonische Ideal einer Sandbox. Klarer Rahmen, kein Spiel ist wie ein anderes.
  • Elite – fast genauso gut, noch puristischer, aber mit zu wenig Storyfäden, die dem Fliegen und Handeln einen Sinn geben.
  • Starflight – mehr storygetrieben, aber wie man sie sich erschließt, ist den Spielenden überlassen.
  • Lords of Midnight – interessante Mischung aus Rollenspiel und Taktiksimulation.
  • Ultima IV und V waren Open World-Spiele, bevor man je von Morrowind gehört hatte. Das System der Tugenden hatte ich für eine Kampagne komplett geklaut. Und das Zaubersystem mit den Runen war auch nicht schlecht!
  • Nethack – minimalistischer Look, maximale Möglichkeiten. Ich bin schon auf so viele interessante Weisen gestorben…
  • Ultima Underworld habe ich wenig selbst gespielt, aber nächtelang Freunden über die Schulter geschaut. Erst neulich ist mir klar geworden, wie sehr die Dungeonarchitektur aus verschlungenen Gängen, verschiedenen Höhenstufen und Wasserwegen meine Karten in Erde & Wasser beeinflusst hat!

Damit es hier nicht nur um Computerspiele gehen soll: Bone ist ein toller Abenteuercomic, dessen Setting eines abgelegenen Tals, welches vom Herr der Heuschrecken bedroht wird, eine hervorragende Sandbox-Kampagne abgeben würde.

P.S.

Man kann sich seine Inspirationen übrigens auch selbst herstellen. Das Geheimnis ist Wiederholung! Ich erinnere mich sehr gut, wie wir in den Osterferien 1995 in Torstens Esszimmer HeroQuest spielten und dazu die neue Blind Guardian-Single sechs Stunden in Dauerschleife lief. Wenn ich heute HeroQuest sehe, höre ich A Past and Future Secret, wenn ich Blind Guardian höre, bekomme ich Lust auf HeroQuest.

Veröffentlicht von Rackhir

Autor von Zalú und zu vielen anderen Projekten gleichzeitig.

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