Wir bleiben im oldschooligen Spiel und dieses Mal spreche ich etwas über Ausrüstung und wie ich das für mich halte. Es sind verschiedene Ansätze, die ich über die Jahre in verschiedenen Kampagnen angewandt habe.
Your eyes don’t see IKEA
Keine glatt gebügelten Hochglanzmöbel, sondern raue Natur. Du willst Komfort? Dann verdiene ihn dir! Du bist das Projekt. Wenn du eine Hartwurst am Start hast kann es ja losgehen. Ich persönlich liebe Inventarlisten. Das Gefühl, auf ein Blatt Papier zu schauen und sagen zu können „Yep, ich habe Angelhaken und Schnur dabei!„. Die Spieler brauchen also nicht nur ihren eigenen Grips, sondern auch die Weitsicht, die richtigen Werkzeuge dabei zu haben. Zumeist waren das Abenteuer im niedrigen Stufenbereich. Ich selber mag keine Pfeile und Bolzen zählen, doch ich hege eine gewisse Faszination Für gut gepflegte Inventare und den sich daraus entstehenden Möglichkeiten. Ich kam selten in den Genuss in die Rolle des Spielers zu schlüpfen. Und wenn, dann habe ich immer Zauberkundige gespielt. Der kreative Einsatz von Magie und mundanen Alltagsgegenständen ist für mich ein OSR-Genuss in Reinform.
Wohingegen ich jedoch allergisch bin: Spieler die zwar Zeugs ansammeln, aber dann den Überblick verlieren und nicht wirklich in ihr Inventar schauen. Wenn diese Spieler so viele, spannende Spielzeuge bekommen und dann nie zum Einsatz kommen dürfen. Manchmal wird man dann aber auch am Spieltisch überrascht.
Was passiert, wenn man einen Nimmervollen Beutel, einen Flugtrank und einen Steinbruch kombiniert? Eine tolle Möglichkeit um feindliche Schiffe im Fluss zu versenken.
Fazit: Wenn Hartwurst, dann so dass es Spaß macht und nicht nur nervt. Ich möchte daraus Möglichkeiten und spannende Entscheidungen generieren und nicht (nur) Frust auf Seiten der Spielfiguren. Ach ja, bevor ich ds vergesse: auf das Gewicht wurde da nicht wirklich geguckt. Wir hatten für uns so ein Gefühl, ab wann eine Spielfigur den ganzen Berg nicht mehr tragen könnten sollte.
Einer meiner Spieler ist sehr begnadet und übernimmt nicht nur die Schirmherrschaft über die Kriegskasse, sondern machte uns auf zauberhafte Google Docs zur Verwaltung der Inventare.

The Riddle of Steel
In einer Sword & Sorcery-Kampagne habe ich mich durch den Black Hack inspirieren lassen und allen Waffen und Rüstungen einen Versorgungswert gegeben. So hatte z.B eine Eisenschwert einen Wert von W6. Nach jedem Kampf wurde ein W6 gewürfelt und bei einer 1 ging der Wert um eine Würfelkategorie runter (W4 war der niedrigste Würfel, danach war der Gegenstand zerstört).

Insgesamt war das eine coole Erfahrung, denn so waren die Spielfiguren auch mal genötigt aus deren Komfortzonen herauszukommen. Zum Ende hin habe ich das auch auf Verbrauchsgüter verwendet, zb Fackeln und Sets (zB Angelset, Kletterset etc), das kam aber langfristig nicht gut an und war den Spielern zu viel Buchhaltung. Im D&D-Kontext hatte ich nicht weiter experimentiert, doch für andere Systeme sollte da noch was kommen.
Fazit: Abseits von komplizierten Regeln für Bruchfaktoren haben wir hier unseren Spaß mit gehabt. Würde ich je nach Setting und Genre so wiederholen.
Name! Beruf! Leb‘ wohl!
Hier wird alles unnötige und nervige weggeschnitten. Der Rest folgt der innerweltlichen Logik. Dazu gehört auch die Ausrüstung der Spielfiguren. Dazu schauen wir uns mal eine Spielfigur aus meiner aktuellen Runde an.

Neben seiner sehr konfliktlösenden Ausrüstung würde es mehr als Sinn machen, dass zum Gepäck von Hannes auch Werkzeuge seines Handwerks gehören. Wenn ich mehr Fragen stellen würde, so könnte ich eventuell herausfinden:
- Er war nicht als Söldner im Heer, sondern Schläger und Mann fürs Grobe in Schenken und Gasthäusern. Ergo: sollte der Spieler der Meinung sein, dass sich in seinem Inventar ein Satz gezinkter Würfel befindet, würde ich das abnicken.
- Er kommt aus einer katholischen Gemeinde. Ergo: vielleicht auffällige Kleidung, diverse Garderoben im Gepäck.
Was ich damit sagen möchte: ist der Besitz der Ausrüstung plausibel, so passt das für mich. Name, Beruf und etwas Kontext reichen aus um das Inventar zu bestimmen.
Ghetto-bling-bling
Zum Abschluss noch etwas zu mundanen, nicht-magischen Gegenständen. Zuerst einmal möchte ich voranstellen, dass die Ausrüstung eines Abenteurers / Söldners / Mensch, der oft von Aufträgen abhängig ist, sehr wichtig ist. Das ich des öfteren daran denken muss, liegt vor allem an einem Beitrag von Andrej auf Geschichtsfenster.
Jede Spielfigur sollte ein paar Gegenstände bei sich tragen, die eine Geschichte erzählen oder eine Persönlichkeit besitzen. Oder zumindest spannend / kurios sind. Das gibt den Figuren nicht nur mehr Profil, sondern umgibt sie auch mit einer gewissen Aura.
Hannes trägt stets einen schweren Hammer bei sich. Das ist mehr als ein Werkzeug, es ist seine Identität.
Randulf trägt den BOLTTHROWER OF MIGHTY GOD -eine mit Schwarzpulver betriebene Harpune. Die Werte dieser Waffe sind nicht beeindruckend, aber die Spielfiguren machten aus ihr ein Werkzeug, dem man noch Beachtung schenken sollte.
Lothar trägt eine mundane Repetierarmbrust. Ein schmuckes Teil. War die Belohnung einer bösen Vampirin. Diese Waffe funktioniert in den Händen des Brandenburgers sehr zuverlässig und bereitet den meisten Gegnern starke Kopfschmerzen.
Grabscher sein wertvollster Besitz, äh, Freund ist sein Esel Reinhold. Dieser ist treu, stur, stark und wurde bereits entführt. Die Befreiung bescherte der Gruppe beinahe den Tod oder zumindest die Versklavung durch ein böses Frauenzimmer (der besagten Vampirin). Ach ja, und Reinhold kann tote Kinder sehen. It’s a Feature, not a bug!
Nichts davon ist magischer Natur. Vieles noch nicht einmal sonderlich teuer. Aber alle wurden durch die Interaktion mit den Spielfiguren aufgewertet und erhielten Bedeutung. Und das sind dann wahrlich gute Gegenstände, die ein Spiel bereichern.
Und hey, selbst Bibi Blocksberg wollte ihren magischen Besen gegen den brandneuen, technologisch überlegenen Turbo-Pfeil eintauschen. Das sagt doch alles, oder?
-grannus-
Ein Kommentar zu “[OSR-Regeln] Heinz rät: „Irgendwann geht alles einmal zu Bruch – dann steckst du das spitze Ende in sein Auge!“”