Angestachelt durch die Kommentare von blut_und_glas und angebo zu meinem Artikel über Erfahrungspunkte und Nahtoderfahrungen, habe ich mir die genannten Kriegsbriefe von Unknown Mobile Suit auf d6-ideas näher angeschaut und mir erklären lassen.
Im Kern dienen mir diese Kriegsbriefe für zwei Ziele
- Auseinandersetzung der Spielfiguren mit dem Kampagnenmilieu und der Reflexion zu den erlebten Ereignissen. Dadurch ein tieferes Verständnis und Eintauchen in den Dreißigjährigen Krieg.
- Spielmechanisch sollen die Kriegsbriefe für verschiedene Effekte sorgen. Im Artikel werden insgesamt drei Möglichkeiten vorgestellt.
Ich bin ja ein großer Freund von Kampagnenberichten, Tagebüchern und solchen Artefakten aus der Spielwelt. Früher hatte ich mit Audio-Tagebüchern experimentiert und fand das schon ziemlich cool.
Kriegsbriefe würden sich also einwandfrei in diese Tradition einreihen. Meine eigene Gruppe besteht aus acht Spielern, ich würde dementsprechend auswählen, welche Zwecke mechanisch angestrebt werden.
Im Kern geht es also darum, dass die Spieler für deren Spielfiguren in bestimmten Situationen echte Briefe schreiben und der Spielleitung zukommen lassen. Diese wiederum kann Antworten formulieren, wodurch ein Brieferchsel stattfindet oder selbst initial die Spielfigur anschreiben. Ähnlich wie in einem Journaling-Spiel.
Um das Thema etwas plastischer darzustellen, habe ich eine der Spielfiguren aus meiner Runde herausgesucht und würde anhand ihr die Beispielen aufbauen.
Ich stelle vor: Yorick, seines Zeichens Zauberkundiger (Nekromant) und mittlerweile Paktierer des Cometa Tenebrarum. Wir sind also nun im Besitz des mächtigen Feuerballs – yeah! Lassen wir den Spieler selbst kurz zu Wort kommen:

Wir haben es hier also mit einer ruhigeren Figur zu tun, die gerne in der hinteren Reihe bleibt. Der Hintergrund gibt mir als Spielleitung auch viel an die Hand. Würde ich derzeit nicht lediglich einzelne Module bespielen, würde ich den Hintergrund stärker einbeziehen.
Mit so einer Vorgeschichte wäre es ein einfaches in die Welt des Dreißigjährigen Krieges einzutauchen. Eine tragische Familientragödie, ein Außenseiter der Verluste meiden möchte und in dieser Welt, in der Regeln kaum noch existieren, einfach nur überleben möchte. Yorick ist ein perfektes Produkt dieser Epoche und birgt riesiges Potential für einen nachdenklichen, tragischen Antihelden.
Legen wir also los und konstruieren ein paar Spielbeispiele und Briefausschnitte. Erwartet aber jene literarischen Glanzstücke. Ihr wurdet gewarnt!
Briefe an den Vater (Stufenaufstieg)
Yorick erkundete gemeinsam mit seinen Kameraden und den angeheuerten Söldnern die Katakomben unter Bruckstadt. Dabei konnten sie einige Schätze und Silbermünzen an die Oberfläche bergen, wodurch Yorick genug Erfahrungspunkte für einen Stufenaufstieg sammeln konnte. Es wird also Zeit für eine Rückschau auf die Ereignisse und Selbstreflexion! Achtung, enthält Spoiler für Der Heilige von Bruckstadt!
Sehr verehrter Vater,
Ich hoffe euch und Mutter geht es gut und dass ihr in Frieden ruhen könnt. Es ist so lange her seit unserem letzten Gespräch, doch so wie mir das Schicksal hold sein möchte, werden wir bereits bald wieder in den Austausch gehen können. Mein Studium der Lebensenergie schreitet voran und ich stehe bald vor einem Durchbruch. Ihr wäret stolz auf euren Sohn. Mit einer Truppe Glücksritter befinde ich mich in der Stadt Bruckstadt und untersuche die dortigen römischen Gewölbe unterhalb der Stadt. Der Tod ist dort allgegenwärtig und auch Gott lässt sich in den lichtlosen Hallen nicht blicken! Doch nicht nur wir hatten reges Interesse. Auch ein Kriegsunternehmer namens Trutzl hatte dort Quartier bezogen. Die Grauen dort unten und die Gewalt waren erschütternd. Einer der Söldner des Trutzl, ein rothaariger Bengel namens Rokker, wurde von uns zwangsrekrutiert und sollte eine Grabnische öffnen. Als er den Stein einschlug, traf ihn ein uralter Fluch und er verlor sein Augenlicht als ein Skarabäus aus seinem Augapfel hervorbrach. Die Schreie des Jungen hallen noch immer in meinen Ohren. Ich werde ihn wohl nie wieder sehen […]
Sobald eine Spielfigur genug Erfahrungspunkte für einen Stufenaufstieg sammeln konnte, kann sie einen Kriegsbrief verfassen – ob in Form eines Tagebuches oder eines Briefes ist egal. Im besten Fall werden die Ereignisse und Umstände seit dem letzten Stufenaufstieg geschildert und reflektiert. Sobald dieser Kriegsbrief abgeschickt wurde, kann die Spielfigur die neue Stufe aufsteigen.
Legendenkunde (Identifikation eines magischen Gegenstandes)
In den Eingeweiden der Erde hat die Gruppe eine Reihe kurioser Schätze geborgen. Darunter auch ein hölzernes Kreuz, umgeben von einer magischen Aura. Yorick befasste sich umgehend damit, fordert aber die Unterstützung eines Gelehrten an um seine Vermutungen bestätigen zu lassen.
Hochgeschätzter Meister Giacomo,
erneut ersuche ich eure erlauchte Expertise und erhoffe mir Erkenntnisgewinn. Bitte habt Nachsicht mit einem Suchenden und erleuchtet mich mit eurem Wissen der okkulten Studien. In den finsteren Katakomben unter Bruckstadt fand ein Kleinod seinen Weg in meinen Besitz. Zwar wirkt es wie ein schmuckloses, einfaches Kruzifix, doch umgibt es eine dunkle Aura, okkulte Energien durchströmen das dunkle Holz. Hebt man das Kruzifix ans Ohr und konzentrierte sich, so scheint es als würden ferne Stimmen mir etwas zuschreien. So viel Verzweiflung und Angst. Gehalten wird das Kruzifix von einem kargen Lederband. Um den Hals getragen hängt das Kruzifix auf Herzhöhe. Sowohl Band als auch Holz wirken abgegriffen und unnatürlich dunkel. Selbst wenn ich es länger auf der Haut trage, es fühlt sich immer kalt an. Grabeskälte. Meine Recherchen in Bruckstadt ergaben, dass die Katakomben Ruhestatt vieler heidnischer Toten sind, in den letzten Jahrhunderten aber auch wichtig für die Gemeinde geworden ist. Immerhin liegt hier ihr eigener Heilige in einer Kammer, tief unter der Erde.
Vermögt ihr die Geister des Windes und der Erde zu beschwören? Könnt ihr ihnen die Geheimnisse dieses unheilvollens Kruzifixes entlocken? […]
Magische Gegenstände können innerhalb einer Session wie gehabt gegen Bezahlung oder Magie identifiziert werden. Jedoch bieten auch hier Kriegsbriefe eine Möglichkeit dem Abhilfe zu verschaffen. Die Spielfigur muss sich innerhalb des Briefe mit dem Gegenstand beschäftigen – ob Aussehen, Beschaffenheit, Gerüchte oder bereits Bekanntes. Weiterhin ist es egal ob der Brief an einen Experten adressiert ist oder es sich um einen Tagebucheintrag während der eigenen Recherche handelt. Die Spielleitung offenbart im Antwortschreiben die Kräfte des Gegenstandes.
Briefe und Depeschen (Domänenspiel)
Yorick stand nach einem gelungenen Abenteuer in der Gunst eines Landesfürsten und erhielt ein kleines Lehen für sich, ein schmuckes Anwesen und genügend Platz für seine Bücher und Studien. Sogar einige Studenten fanden bei ihm Zuflucht, sodass er schon bald einen treuen Klüngel um sich versammeln konnte. In einem Schreiben berichtet er dem Fürsten von den Fortschritten auf dem Anwesen sowie einer schicksalhaften Begegnung.
[Anrede nach eurer Wahl, wohl mit möglichst viel Kriecherei],
[Noch mehr Schleim, Dank ausdrücken wegen Lehen und so]
Meine Studien schreiten prächtig voran und auch das herrliche Anwesen befindet sich weiterhin im der Restauration. Im Kellergewölbe durchbrachen die Arbeiter die Nordwand des Trockenlagers. Dahinter verbarg sich eine Kammer samt Kohlerutsche. Später finden wir den Zugang von außen, der durch ein schweres Gitter versperrt war. Während einer der letzten Herbststürme ist eine alte Eiche vom Blitz getroffen worden und ist herniedergestürzt und blockiert den Zugang. In der Kammer fanden wir ein Lager vor. Oder eher ein kleiner, geheimer Stützpunkt. Neben Dokumenten mit pikanten Informationen fanden wir auch die Leichname dreier Männer. Den Dokumenten und der Ausrüstung nach handelte es sich bei ihnen um Spione im Dienste der katholischen Liga. Den ausgemergelten Körpern nach verhungerten sie, nachdem sie keinen Ausweg fanden. Die furchtbaren Details würde ich Ihnen an dieser Stelle ersparen. Was noch viel wichtiger ist: ebenfalls fanden wir eine geheime Unterlagen zum Entschlüsseln von Chiffre. Mein Herr, ich sage dies nur ungern, doch in Ihren militärischen Kreisen gibt es zumindest einen Verräter, den bei dem Dokument handelt es sich um den Schlüssel Ihrer Nachrichten. Ich entsende die Nachricht durch meinen persönlichen Assistenten und warte auf neue Anweisungen Ihrerseits.
[Bla bla Verabschiedung]
Das Domänenspiel ist für mich eine spannende Mischung aus klassischen Abenteuern, Intrigen und Diplomatie – insbesondere im Dreißigjährigen Krieg kann ständig Beweging in die politische und militärische Landschaft kommen. Zumeist wird nicht im nationalen Sinne gehandelt, es darf also herrlich egoistisch intrigiert werden. Diese Action entsteht nicht im luftleeren Raum sondern im Wechselspiel aus Interaktionen, Spionage, dem Verlauf des Krieges etc. Um diese Maschine al Laufen zu halten, sind Kriegsbriefe ein wunderbares Mittel. Die Spieler können Briefe erhalten, wodurch sie reagieren müssen oder sie können Handlungen und Ereignisse aus der Kampagne mittels eines Kriegsbriefes an ihren Fürsten, Kommandanten oder andere Verbündete kommunizieren, wodurch die Handlungsmaschine mit Treibstoff versorgt wird.
An dieser Stellen nochmal ein Dankeschön an den Oger für seinen tollen Artikel rund um Briefe, Depeschen & Kuriere. Die dortigen Tabellen bereichern solch ein Spiel ungemein.
Was haltet ihr von den Möglichkeiten der Kriegsbriefe innerhalb einer Kampagne? Würden sie euer Spiel bereichern? Habt ihr noch weitere, spannende Einsatzmöglichkeiten für sie?
-grannus-