[OSR] Robert E. Howard im Appendix N

Gemeinsam mit Rackhir und SimiOfDoom bastele ich gerade an einem coolen kleinen Abenteuer für den diesjährigen Appendix-N-GameJam von Dank Dungeons. (Das Ergebnis wird natürlich auch hier veröffentlicht). Bevor wir richtig loslegten, stellte Rackhir mal die Frage in den Raum, was für uns denn typisch Appendix N sei. Meine Antwort habe ich ein bisschen aus der Hüfte geschossen mit sowas wie „Antihelden, kosmische Gefahren und böse Kulte“. Aber seitdem denke ich mehr darüber nach.

Howard ohne Helden

Die Old School Renaissance beruft sich gern auf Robert E. Howard. Wer die Erzählungen liest, findet vieles wieder, was heute als urtypisch für OSR gilt:

  • vergessene Ruinen,
  • versunkene Reiche,
  • Schlangenkulte,
  • finstere Magier,
  • unerforschte Wildnis,
  • uralte Schrecken,
  • Schätze an tödlichen Orten.

Dennoch beschleicht mich jedes Mal ein gewisser Zweifel, wenn jemand behauptet, OSR spiele sich „wie Howard“. Denn die Welt Howards und die Helden Howards sind zwei verschiedene Dinge. Die Welt hat die OSR für sich übernommen, aber die Helden überhaupt nicht. Und da geht in meinem Kopf eine Schere auf.

OSR für Fans von Conan und Kane?

Howard interessiert sich nicht für gewöhnliche Leute. Die kommen in den Geschichten höchstens als Opfer vor. Aber aus irgendeinem Grund will die OSR, dass wir genau diese Leute spielen. Warum eigentlich?

Howards Figuren sind keine Superhelden im modernen Sinne, aber sie sind auch keine normalen Leute. Weit davon entfernt! Conan, Kull, Solomon Kane, Bran Mak Morn und so weiter sind keine Level-1-Pöppel mit 4 Hit Points. Und die Geschichten von Howard würden auch nicht funktionieren, wenn ihre Helden 4 Hit Points hätten.

Howard erzählt keine Heros Journey, bei der einfache Bauernlümmel zu Helden werden. Die Figuren sind von anfang an extrem außergewöhnlich und meist sogar weithin bekannt als die besten ihres Faches. Selbst in Rückblicken auf die Jugend der Figuren, waren diese bereits alles andere als normal. Conan ist nicht interessant, weil er sich entwickelt hat, sondern weil er halt Conan ist.

(By the way: Fafhrd und der Graue Mauser von Fritz Leiber sind auch nicht gerade gewöhnlich. Für mich sind die eher wie Bud Spencer und Terrence Hill in Fantasy-Gestalt. Irgendwie immer pleite und Spielball ihrer Welt, aber eigentlich unbesiegbar, wenn es drauf ankommt.)

Conan und Kane tun das Gegenteil von dem, was die OSR will

Die immer wieder gern zitierte OSR-Fibel von Matthew Finch erklärt uns ziemlich genau, wie wir OSR-Spiele spielen sollen. Vorsichtig, schlau jede Gefahr umgehend. Warum taucht dann Howard im Appendix N auf?

Conan und Solomon Kane gewinnen sehr oft durch Schläue und auch vorsichtiges Vorgehen, aber ebenso oft auch durch pure Überzeugung und Willenskraft. Oder negativ ausgedrückt, durch Dickköpfigkeit. Wenn etwas schiefgeht, sind sie halt immer noch Helden. Die Figuren funktionieren, weil die Narration das so will. Und narrative Notwendigkeit ist bekanntlich etwas, was die OSR nichtmal mit der 10-Fuß-Stange anfassen würde. Alles soll emergent sein, jede Konsequenz logisch. Aber so funktionieren Geschichten ja nun wirklich selten.

Schreibt Howard Epiloge?

Vielleicht könnte man so argumentieren, dass Howards Figuren diejenigen sind, die alle Trichter, low-level-Abenteuer und endlose Hex-Crawls überlebt haben und jetzt eben hohe Stufen haben. Aber warum treiben die sich auf ihren hohen Stufen dann immer noch in low-level-Abenteuern herum?

Fast jedes zweite Conan-Abenteuer beginnt wie ein Sandbox-Gerücht:

  • Dort hinten liegt eine Ruine.
  • Niemand kehrt von dort zurück.
  • Man erzählt sich von einem Schatz.
  • Etwas Altes lebt noch dort.

Also ganz normaler Dungeon für 3 bis 5 Charaktere der Stufen 1-3. Und dann kommt aber der Stufe-18-Barbar Conan da reingerollt. Er lässt kurz die Feinde ein bisschen am Sieg schnuppern, aber letztendlich haben die alle keine Chance. Es steht eigentlich außer Frage, ob Conan stark genug ist, das Abenteuer zu überstehen. Wenn überhaupt irgendwas ernsthaft bedroht wird, dann irgendwelche Nebenfiguren.

Und jetzt?

Keine Ahnung, ich wollte den Gedanken nur mal festhalten. Howards Einfluss auf die OSR ist sein Worldbuilding. Aber Howard interessiert sich überhaupt nicht für normale Leute in dieser Welt, sondern für die absolut außergewöhnlichen. Die OSR schaut auf die normalen Leute.

Und genau deshalb kann sich ein Howard-Leser in vielen OSR-Kampagnen zugleich zuhause und fremd fühlen: Die Ruine stammt aus Howard. Das Monster stammt aus Howard. Der Kult stammt aus Howard.

Nur die Spielfigur stammt aus einer ganz anderen Tradition.

Bleibt außergewöhnlich,
-Seba

Veröffentlicht von Seba

Schreiberling aus Hamburg

9 Kommentare zu „[OSR] Robert E. Howard im Appendix N

  1. Interessanter Gedanke. Ich stehe ja auf Sword & Sorcery, deshalb spricht mich das sehr an.

    Man muss mit dem Vergleich etwas vorsichtig sein, finde ich. Zum einen macht Conan die Dinge allein, im Rollenspiel ist man als Gruppe unterwegs. Da sieht Heldentum anders aus. Zum anderen sollte man die OSR auch nicht homogenisieren. Die Geschichtsschreibung des Hobbys (The Elusive Shift hat diese These vertreten, glaube ich) hat gezeigt, dass man damals (TM) auf vielfältige Weise gespielt hat, und ich denke, das gilt auch für die heutige Landschaft.

    Diese Vorbemerkungen im Hinterkopf behaltend würde ich dir aber insgesamt zustimmen. Aus Conan etc. hat D&D v.a. die Welten und die thematischen Tropen geerbt, weniger die Protagonisten. Bei den Protagonisten einer OSR-Kampagne fühle ich mich mehr an die Figuren aus klassischen Pulp Adventure-Geschichten (Lost World etc.) erinnert, wo eine Gruppe kompetenter Leute mit kantigen Unterkiefern (aber ohne Superheldenfähigkeiten!) in außergewöhnliche Situationen geraten.

    Vielleicht kann man aber doch ein paar Parallelen zu den Protagonisten der Sword & Sorcery-Geschichten ziehen, wenn es um die Handlungsmaximen geht. Conan löst seine Probleme am liebsten durch Cleverness – solche Hinweise liest man auch in OSR-Texten zuhauf. Und wenn er kämpfen muss, dann nimmt er jeden Vorteil dankend an. Combat as War.

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  2. @kritischerfehlschlag.de Ja. Sword&Sorcery hat fehlbare, menschliche Protagonist*innen, die trotzdem "Larger than Life" sind und gerade das ist ihr Reiz. Zwischen der Literatur, die gern als Grundlage der OSR beschrieben wird und dem Gameplay besteht definitiv das, was wir 'ludonarrative Dissonanz" nennen, wenn wir angeben wollen. Andere Regelwerke wie Fate, Gumshoe und pbtA oder auch z.B. Barbarians of Lemuria sind besser darin, hyperkompetente Figuren abzubilden.

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  3. Ich bin über den Punkt weit hinaus, an dem ich andere mit meinen OSR-Erkenntnissen noch beglücken möchte. Du belieferst damit leider v.a. die Waldorfs und Statlers in den Foren und Discordservern: Es ist alles nur lustig oder du wirst belehrt. Oder es wird geschwiegen.

    Die Kommentare direkt unter deinem Artikel sind eine löbliche Ausnahme. Schon weil neben der inhaltlichen Auseinandersetzung zwei Klicks mehr und ein etwas persönlicheres Feedback als etwas schnell Dahingetipptes unter einem geteilten Link erforderlich sind.

    Genug Rant und zu deinem Artikel: ich habe deine Aussage nach dem ersten Absatz verstanden. Schade, dass das Suchen nach Erklärungen erst unter dem Artikel und nicht darin stattfand. Viele werden die Kommentare darunter übersehen.

    So ist der Artikel halt leider v.a. eines: Mehr Futter für die Muppets. (nicht hilfreich? Sorry, meine Pfadfinder-Punkte für heute sind ausgegeben. 😉 )

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  4. Interessanter Artikel, aber ich hätte da Einwände!

    Du schreibst sinngemäß, dass bei Conan & Co die normalen Menschen nicht im Focus sind, bei OSR-Abenteuer aber schon, weil die Charaktere als Normalos auf Stufe 0 beginnen. Ja, ich kann deinen Gedanken verstehen, denke aber, dass das nur für Spiele gilt, die einen Trichter haben (DCC). Bei den anderen Spielen beginnt man auch schon auf Stufe 1 als eine ganz besondere Figur. Als Zauberer hat man da schon eine akedemische Ausbildung hinter sich, als Kämpfer auch. Damit unterscheidet man sich deutlich von der normalen Bevölkerung. Bei DSA5 (jaaaa, nicht old school, ich weiß) gib es im Bestiarium dewegen auch den Bürger als eintrag, der deutlich schwächer als jeder Beginner-Held ist.

     Und dann kommt aber der Stufe-18-Barbar Conan da reingerollt. Er lässt kurz die Feinde ein bisschen am Sieg schnuppern, aber letztendlich haben die alle keine Chance.

    Sehe ich auch so, das liegt aber daran, dass Conan eigentlich im innersten eine Marry-Sue ist. Sind zwar Leibers Helden zu einem gewissen Teil ebenfalls, aber die scheitern öfter und kommen öfter an ihre Grenzen…

    Nur die Spielfigur stammt aus einer ganz anderen Tradition.

    Welche Tradition wäre das denn?

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  5. Zero to hero würde ich es mal flapsig nennen.
    Prinzipiell natürlich richtig: schon eine Klasse haben ist irgendwie ein Gütesiegel.
    Alles nicht so einfach..
    MfG,
    Seba

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