Ein Gastbeitrag von Denis Bökenkröger. Vielen lieben Dank dafür. Dem Rest wünsche ich viel Spaß beim Lesen.
Der Wald lichtet sich hier. Das goldene Licht der Sonne fällt auf eine menschengroße Statue einer stehenden Frauengestalt. In einer Hand hält sie ein Bündel Kornähren, in der anderen eine Schlange. Davor liegt ein regloser Mensch auf dem Bauch, zur Rechten eine Axt. Um die Gestalt herum wachsen bunte Blumen. Die Vögel singen; eine friedliche Stimmung geht von diesem Ort aus. Über allem liegt der schwere, süßlich Geruch der Blüten.
Untersuchen
Die Statue: Es ist nicht schwer, die Statue als Darstellung einer Erd- und Fruchtbarkeitsgöttin erkennen. Sie ist mit Moos und Flechten bedeckt.
Liegende Gestalt: Die Leiche eines bärtigen Mannes um die 30 in zerschlissener einfacher Kleidung in einem Schnitt, den man weiter im Süden häufiger sieht.
- Zahlreiche kleine Schnitte bedecken seinen Körper, ebenso scheint die Kleidung wie durch Dornen beschädigt zu sein, diese Verletzungen waren aber nicht tödlich. Wer die Leiche bewegt, wird sofort feststellen, dass zahlreiche Knochen gebrochen sind, ebenso sein Genick. Es gibt deutliche Würgemale am Hals, Rumpf und den Extremitäten.
- Er muss hier seit etwa einer Woche liegen. Es gibt keine Fraßspuren von Tieren. Wer sich damit auskennt, kann noch schwache Schleifspuren ausmachen, die in den Wald führen.
- Die Pflanzen in direkter Umgebung der Leiche blühen bunt, zudem hat man ihr inzwischen verwelkte Blumen in ihren Mund gesteckt und auf dem Leichnam verteilt.
- Die eiserne Axt zeigt erste Anzeichen von Rost, sie hat deutliche Gebrauchsspuren. Die Klinge ist vor Kurzem sachkundig geschärft worden (Krieger\*innen und Waffenschmied\*innen erkennen das gleich).
Was hier geschehen sein könnte
Ein armer Holzfäller hat nicht auf die Warnungen der Ortsansässigen gehört und eine Axt aus dem giftigen neuen Metall der Menschen in den verbotenen Teil des Waldes gebracht. Als er damit einen Baum verletzte, brachte das zornige Volk des Waldes, die Vegetation selbst dazu, den sich verzweifelt wehrenden Mann aufzuhalten und zu bestrafen. Dabei wurde er mit einer dicke Ranke um den Hals gewürgt und dabei sein Genick gebrochen.
Bevor sich der Wald diesen Ort vor langer Zeit zurückeroberte, lebten hier Menschen. Es sind kaum Spuren aus dieser Zeit zu finden, bis auf diesen heiligen Ort, an dem die Göttin einst verehrt wurde. Auch wenn ihr Kult ebenso wie ihr Name fast vergessen ist, ließ der Wald respektvoll eine Lichtung um ihren letzten Schrein frei. Da dies eine Göttin der Menschen ist, wurde der Leichnam der Göttin als Opfer dargeboten. Ebenso wurde die Axt dort abgelegt, um nicht den Wald zu entweihen.
Gerüchte
- Dieser Teil des Waldes ist verboten. Eine dunkle Gottheit der Alten herrscht dort und wer sie stört, ist des Todes (teilweise wahr).
- Das Volk des Waldes fürchtet und hasst Eisen und alle, die es in ihren Wald bringen. (wahr)
Anmerkungen des Autoren
Warum ich das so geschrieben habe
Diese Szene kann ein kurzes Zufallsereignis während einer Reise durch ein Waldgebiet sein, man könnte aber auch ein ganzes Abenteuer darauf aufbauen. Mir macht es viel Spaß, ein paar Rätsel ungelöst zu lassen – es fühlt sich einfach glaubwürdiger, „echter“ an.
Wichtig war mir, eine eigentümliche Situation zu liefern, die für die Spielenden nicht sofort zu ergründen ist oder sich per Fertigkeitswurf ergründen lässt sie sollten zuerst verwundert sein und in der Folge mehr wissen wollen. Nebenbei liefert es dir als Spielleitung die Möglichkeit, Informationen über dein Setting zu vermitteln, ohne dass Du lange erzählen musst und du ihre Aufmerksamkeit verlierst. Ich will Leute neugierig auf diese Welt machen, weil sie sie verstehen wollen!
Bewusst habe ich den Verlauf des Todesfalls mit „Was hier geschehen sein könnte“ überschrieben – falls deiner Runde Besseres einfallen sollte und es deine Pläne nicht durchkreuzt, dann ist es eine gute Idee, ihre Deutungen zu übernehmen.
Die Statue liefert Informationen über die Spiritualität dieser Welt und einen Hinweis auf eine untergegangene menschliche Ansiedlung. Jeder Kleriker oder halbwegs gebildete Charakter wird erraten, dass es sich bei der abgebildeten Figur um eine Göttin der Erde und der Fruchtbarkeit handeln muss, vermutlich ein Schrein, der zu Kultzwecken verwendet wurde. Hier kannst du eine passende bekannte Gottheit verwenden oder noch besser, eine eigene, früher verehrte Variante von ihr erfinden — denn dieser Kult ist lang vergessen, dennoch wurde die Lichtung um die Statue freigelassen.
Die Liegende Gestalt — an dieser Stelle rede ich gleich von einer Leiche — zeigt, dass dieser Mensch durch Gewalt ums Leben kam, und zwar auf ungewöhnliche Weise, die nicht sofort zu erklären ist. Ein Dolch im Rücken wäre uns zu langweilig! Kein Tier hat sich an dem Leichnam zu schaffen gemacht, ebenso hat der Mann hier nicht den Tod gefunden, sondern wurde hergeschafft. Blumen im Mund und auf dem Körper sind ein Hinweis darauf, dass es ein Opfer für die Menschengöttin sein soll. Frisch gewachsene Blumen rundherum sind ein Zeichen dafür, dass das Opfer angenommen wurde.
Die Axt weist den Mann als Holzfäller aus, der zur Arbeit hier war, und wurde nicht gestohlen, sondern das Menschenmetall wurde mit dem toten Menschen zur Menschengöttin gebracht. Der Rost zeigt gleich, dass es sich um ein Eisenwerkzeug handelt. Beide — Mann und Axt — sind Fremdkörper hier.
Weiterführen könnte man die Geschichte etwa so:
- Ob die Göttin durch das unverhoffte Opfer wieder an Macht gewinnt? Ist sie eine sanfte, wohlwollende Gottheit oder dürstet sie nach weiteren Opfern?
- Was war das für ein Mann aus dem Süden, der entgegen der Warnungen der Bevölkerung in den verbotenen Hain ging, um Holz zu schlagen?
- Wer und was ist das Volk des Waldes genau? Sind es Feen, Nymphen und Baumgeister oder etwas völlig anderes?
- Wie reagiert die menschliche Bevölkerung in der Nachbarschaft? Sinnen sie auf Rache, obwohl sie den Holzfäller gewarnt haben? Oder haben sie ihn bewusst nicht gewarnt? Warum?
@kritischerfehlschlag.de Das hat Spaß gemacht!
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Dein Artikel machte auch viel Spaß beim Lesen. Aber jetzt mal unter uns. WENN das in Glorantha spielen WÜRDE, welche Göttin würdest du da hinpflanzen?
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Vermutlich nicht Ernalda – weil sie ein sehr populärer Kult, vielleicht eine lokale Variante einer Getreidegöttin wie Esrola.
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Oh man, tippen ist heute wirklich nicht so meine Stärke – „weil sie ein sehr populärer Kult ist“ 🙂
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Danke für die Antwort, das steuert mein Lesehunger in eine gute Richtung.
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