Die zwei Bestandteile der Vorbereitung

Ich bin gerne und oft Spielleiter. Und als solcher mache ich mir manchmal Gedanken, was ich da eigentlich so tue.

Bei einer Unterhaltung auf Mastodon ist mir aufgegangen, dass meine Vorbereitung eigentlich aus zwei Teilen besteht, die – je nach Umständen – mehr oder weniger deutlich voneinander unterschieden werden können. Ich kann mich erinnern, dass ich früher keinen Unterschied zwischen diesen beiden Teilen gemacht habe, weshalb ich davon ausgehe, dass das manch anderer SL fremd sein dürfte. Und ich schreibe es hier auf, um den Gedanken für mich selber einmal auszuformulieren.

Kurz gesagt: es geht um den Unterschied zwischen kurzfristiger Vorbereitung der nächsten Sitzung und langfristiger Vorbereitung, bei der Spielmaterial erzeugt und die Spielwelt weiterentwickelt wird. Diese Unterscheidung wird für mich in längerfristigen Spielen wichtig, ob in klassischen Kampagnen, Open Tables oder eher episodischen Formaten. Sie gilt natürlich nur für Systeme mit einer klassischen Aufteilung von Spielleitung und Spielenden.

Kurzfristige Vorbereitung (Session Prep)

Der eine Teil ist die konkrete Sitzungsvorbereitung. Das macht mehr oder weniger jede Spielleitung: Worum geht es am Freitagabend und was brauche ich dafür?

  • Man vergegenwärtigt sich den „Spielstand“: Wo haben wir aufgehört? Was werden die Spielenden als nächstes tun?
  • Man macht sich Notizen zum möglichen Ablauf der Spielsitzung. Vielleicht nur ein paar schnelle Stichworte auf der Rückseite einer Pizzarechnung, vielleicht detaillierte Ideensammlungen.
  • Wenn man fertiges Material hat (siehe unten), ob selbstgeschrieben oder gekauft, macht man sich damit nochmal vertraut.
  • Man legt Spielmaterial bereit (Würfel, Minis, Handouts etc.).
  • Nach der Sitzung kommt vielleicht noch etwas Nachbereitung hinzu, z.B. Updates für Charakterbögen oder das Schreiben eines Protokolls.

Vieles davon erlernt man durch Praxis und entwickelt dafür intuitive Routinen. Man kann auch mit Checklisten arbeiten, die einem bei der Orientierung helfen. Persönlich mag ich die „Lazy GM“-Methode von Mike Shea gerne, die ich für Fantasy-Abenteuer, welche keine reinen Crawls sind, sehr gut finde.

In einer längerfristigen Kampagne, am besten noch mit regelmäßigen Terminen, muss eine SL einen Weg finden, diese kurzfristige Vorbereitung so routiniert und effizient wie möglich zu gestalten, um mit ihren Kräften hauszuhalten. Ich versuche, nicht mehr als 15-30 Minuten in die kurzfristige Vorbereitung zu investieren. Dann kann ich sie auch am selben Tag oder am Vorabend erledigen und muss nicht viel aufschreiben, weil ich alles noch im Kopf behalten kann. Dies ist aber nur möglich, weil ich diesen Schritt geistig von der längerfristigen Vorarbeit trenne.

Langfristige Vorbereitung

Der zweite Teil ist das langfristige Erarbeiten von Spielmaterial. Man mag es als Worldbuilding bezeichnen, wenn es um die Hintergrundwelt als Ganzes geht, aber auch das Vorbereiten von konkreten Abenteuern, Locations, NSCs oder Schätzen gehört dazu. Dies ist unabhängig davon, ob man das alles selber schreibt (wie ich es normalerweise tue) oder ob man publizierte Abenteuer, Settingbände etc. durchliest, markiert und sich Notizen dazu macht.

Langfristige Vorbereitung ist nicht unmittelbar auf die nächste Sitzung gerichtet. Es geht dabei nicht darum, noch schnell das Dungeon für Freitag auszuarbeiten – das wäre ein Grenzfall, der für mich rein gefühlsmäßig in den Bereich der kurzfristigen Vorbereitung fällt. Vielmehr geht es darum, an der Kampagne und der Spielwelt zu arbeiten, über den Tellerrand hinaus zu blicken und sich Material zu erarbeiten, das man in der Zukunft einsetzen kann. Das Beispiel zeigt aber natürlich, dass die Unterscheidung nicht ganz sauber möglich ist.

Die Idee einer langfristigen Vorbereitung basiert auf der Überzeugung, dass Improvisation besser gelingt, wenn man Material zur Hand hat, anstatt es komplett aus der Luft zaubern zu müssen. Das gilt zumindest für mich, aber offenbar nicht nur für mich, denn im Improtheater und in der Standup Comedy scheint man diesem Prinzip auch zu folgen.

In gewisser Weise beruht diese Denkweise auf einem Gedanken der OSR und des klassischen Rollenspiels, wonach die Spielleitung gewissermaßen die Welt verkörpert. Insofern erscheint es mir naheliegend, dass ich diese Aufgabe besser erfüllen kann, wenn ich mehr über diese Welt weiß. Jedoch sehe ich Worldbuilding nicht als Selbstzweck. Man kann es zwar ohne klare Verwertungsabsicht betreiben und da auch seinen Launen und Ideen folgen, da es eben ohne klaren Einsatzzweck in der nächsten Sitzung erfolgt, aber alles Material sollte so geschrieben werden, dass es sich im Spiel auswirken und von den Spielenden und ihren Charakteren erlebt werden kann.

Beides zusammen

Den Unterschied zwischen beiden Teilen kann man mit folgendem Bild ausdrücken: Während die langfristige Vorbereitung das Ernten (oder weniger poetisch: das Einkaufen) von Lebensmitteln darstellt, die man in seinen Vorratsschrank legt, ist die kurzfristige Vorbereitung das Kochen einer leckeren Mahlzeit, für die man die dafür notwendigen Zutaten aus dem Schrank holt.

Ich weiß nicht, ob andere SL auch so über ihre Vorbereitung nachdenken. Vielleicht macht diese Unterscheidung nur für mich Sinn. Oder die Balance zwischen den beiden Teilen variiert drastisch. Manche Spielleitungen verzichten vermutlich auf den zweiten Teil, wenn sie eine lose Aneinanderreihung von Abenteuern spielen, welche ohne größere Vorablektüre direkt „vom Blatt“ geleitet werden können (z.B. Mothership oder Mausritter). Auch bei Systemen, welche Spielenden umfangreiche Erzählrechte einräumen, ist Vorbereitung ohnehin anders zu verstehen, weil dort viel von der Welt und der Geschichte am Tisch selber entsteht.

Die Unterscheidung ist alles andere als wasserdicht, wie bereits angedeutet, aber dennoch für meine Zeit- und Arbeitsplanung wichtig. Wenn ich noch eine Woche Zeit bis zur nächsten Sitzung Erde & Wasser habe, prüfe ich zunächst, ob diejenigen Level fertig und bespielbar sind, die für die Gruppe leicht erreichbar sind. Falls ja, kann ich die Woche guten Gewissens faulenzen oder in die langfristige Vorbereitung weiteren Spielmaterials investieren, denn ich weiß, dass ich die kurzfristige Vorbereitung zügig hinkriege. Falls nein, erkenne ich dadurch, welche Vorarbeiten noch nötig sind. So vermeide ich Situationen, in denen der Spieltermin vor der Tür steht und ich kein passendes Material habe. Reine Improvisation ohne Material liegt mir nicht.

Ganz wichtig: Für mich als SL beginnt das Spiel nicht erst, wenn ich mich an den Spieltisch setze. Vielmehr ist die Vorbereitung – beide Teile! – ebenfalls Teil meiner Spielerfahrung, obwohl ich sie alleine bestreite. Aber sie macht mir sehr viel Freude! Genau diese Vielseitigkeit ist einer der Hauptgründe, warum ich gerne SL bin.

Veröffentlicht von Rackhir

Autor von Zalú und zu vielen anderen Projekten gleichzeitig.

3 Kommentare zu „Die zwei Bestandteile der Vorbereitung

  1. Ich unterschreibe deine Ansichten vollkommen, sehr schön dargestellt und erläutert. Besonders gefallen hat mir deine Aussage, dass Improvisation umso leichter wird, je mehr Material und Werkzeug ich zur Hand habe. Viele mißachten diesem Zusammenhang.

    Ich würde phasenweise noch einen dritten Bestandteil reinbringen: das Fraktionsspiel. Hier kann die Spielleitung für sich außerhalb der Sessions mit sich selbst spielen. Und selbst wenn es keine Fraktionen geben sollte, oft gibt es ja Möglichkeiten für die Spielleitung außerhalb des Spiels Elemente zu bespielen oder Werkzeuge zu nutzen. Für mich geht das schon etwas in Richtung Solo-Spiel.

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