Die Offene Runde: Die Gilde und Status

Meine Offene Runde in der Zalú-Kampagne dreht sich um eine Gilde von Abenteurer:innen, die – vom Ruf des Goldes und magischer Schätze angelockt – in die Oase Heram gekommen sind. Ich erzähle davon, um euch die folgenden Überlegungen nahezulegen:

  • Eine Gruppe von Abenteurer:innen darf gerne ein Hauptquartier oder eine anderweitige Heimstatt haben. Das ist emotional bereichernd und schafft neue Spielmöglichkeiten.
  • Gib den Spielenden Möglichkeiten, ihr Geld auszugeben, die sich nicht nur in immer besserer Ausrüstung erschöpfen.
  • Status ist ein Mittel, um eine Gruppe in der Welt zu verankern, das den Spielenden in einfacher Weise ihren Fortschritt vor Augen führt.

Die Gilde und ihr Haus

Die „Wüstenfalken“ werden von einer Nichtspielerfigur geleitet (Karissa Grünklee, eine einbeinige Halblingsdame), die ich als Stichwortgeberin und Verteilerin von Gerüchten und Plot Hooks verwenden kann. Die Gilde hat die Funktion, dem wechselnden Ensemble von Spielercharakteren einen innerweltlichen Rahmen zu geben. Fragen, warum man eigentlich zusammenarbeite, stellen sich auf diese Weise nicht. Wenn ein neuer SC gebraucht wird, hat Karissa ihn oder sie gerade auf dem Marktplatz kennengelernt, für gut befunden und mitgebracht.

Im Lauf der Kampagne hat das Hauptquartier eine immer größere Rolle bekommen. Anfangs war dies nur ein einfaches Zelt, wie so viele Unterkünfte in der Oase Heram. Die Spielenden zeigten aber schnell Interesse, es auszubauen und zu dekorieren. Erst wurden Lehmziegel angeschafft, um solide Wände zu bauen, als nächstes ein Kamelpferch konstruiert, um die Lasttiere unterzubringen. Mit der Zeit wurde das Gebäude immer größer und solider. Heute hat es mehrere Zimmer, einen Keller, einen Garten, eine Werkstatt, eine eigene kleine Wachmannschaft und weiteres.

Zudem wurde das Gildenhaus zum Sammelort aller möglicher Trophäen und Kuriositäten: die Rüstung einer besiegten Gnollanführerin, ein magischer Kerzenleuchter, oder eine magische Couch, bei der alle, die sich darauf setzen, die Wahrheit sagen müssen, wenn ihnen ein RW misslingt (sehr beliebter Sitzplatz für Gäste). Die Faszination mit der Dekoration der Gilde geht soweit, dass manchmal wertvolle Beute nicht verkauft (und damit zu XP gemacht) wird, wenn die Spielenden der Meinung sind, dass sie auf der Kommode gut aussähe.

Man könnte das als unwichtigen Teil des Spiels abtun, aber ich finde, es gibt der Welt mehr Farbe, wenn sich die SCs um etwas so kümmern. Die Spielenden entwickeln dadurch auch eine emotionale Verbundenheit mit ihrer Heimstatt. Es macht sie in der Spielwelt auffindbar, falls mal eine Botschaft zu ihnen kommen muss, und natürlich auch angreifbar – aber das sollte man mit Bedacht einsetzen. Auch (oder vielleicht besonders?) in einer OSR-Kampagne braucht es Safe Spaces für die Charaktere, um etwas Entspannung zu erlauben.

Status

Rund um die Gilde hat sich eine Mechanik entwickelt (die ich ursprünglich anders geplant hatte, aber das ist hier unerheblich), die auch für andere Kampagnen interessant sein könnte: der Status der Gilde. Dieser Wert bemisst abstrakt, wie angesehen die Gilde in der Oase ist.

Man kann den Status der Gilde steigern, indem Geld in den Ausbau des Hauses investiert wird oder große Feierlichkeiten veranstaltet werden. Hier gilt jeweils: pro ausgegebene 5 GM steigt der Gildenstatus um 1 Punkt. Dies zählt nicht als Downtime-Aktion. Der Status kann auch durch besonders sichtbare Heldentaten in der Oase steigen, z.B. als die Wüstenfalken einen bekannten Einwohner Herams als Dämonenpaktierer enttarnten und dessen Palast daraufhin in grüne Flammen aufging. Besonders unehrenhaftes Verhalten kann aber auch zum Verlust von Status führen.

Der praktische Wert von Status besteht darin, dass neue Charaktere mit so viel XP starten, wie es dem Statuswert entspricht. Die Erklärung dafür ist, dass sich kompetente Abenteurer:innen eher für eine angesehene Gilde entscheiden und man daher mehr Auswahl bei den Neumitgliedern hat. Nach 50 Sitzungen ist der Statuswert aktuell bei 9.400 Punkten. Neue SCs steigen damit auf der dritten oder vierten Stufe ein.

In einer Offenen Runde ist das ein gutes Mittel, um die Spreizung der Charakterstufen ein bisschen von unten zu begrenzen. Insgesamt hat niemand ein Problem damit, dass die SCs unterschiedlich weit fortgeschritten sind. Ein erststufiger SC neben einem neuntstufigen wäre jedoch in seinen Möglichkeiten sehr eingeschränkt. Zudem liegt es in der Entscheidung der Spielenden, wieviel sie in dieses „Sicherheitsnetz“ investieren wollen.

Nicht zuletzt habe ich diese Mechanik ins Spiel gebracht, um einen weiteren money sink zu schaffen. Die enorme Inflation, die ein „XP for Gold“-System erzeugt, habe ich andernorts schon diskutiert. Insofern bin ich für jede Möglichkeit dankbar, das Geld auch wieder auszugeben. So haben die Spielenden die Qual der Wahl, ob sie ihre Beute für ihren eigenen Fortschritt ausgeben, z.B. durch Zechen, sie langfristig für Domain Play ansparen oder in das Wohl der Gruppe investieren wollen.

Auch spielerisch ist mit Status einiges möglich. Mit steigendem Status wird eine Gruppe bekannter und angesehener. Gerüchte über ihre Taten verbreiten sich, die Leute erkennen sie auf der Straße. Das kann auch mal Türen öffnen und Kontakte schaffen, die ansonsten nicht zugänglich gewesen wären.

Und jetzt ihr

Ich bin 100% sicher, dass ich diese beiden Elemente nicht erfunden habe, aber ich weiß leider auch nicht mehr, was sie inspiriert hat. Blades in the Dark habe ich jedenfalls erst danach kennengelernt und sah dort direkt einige Parallelen.

Haben eure Gruppen ein Hauptquartier? Habt ihr ein System für Status oder etwas vergleichbares? Teilt gerne eure Erfahrungen, denn ich bin sicher, dass man diese Themen auch sehr produktiv in anderer Weise lösen kann.

Veröffentlicht von Rackhir

Autor von Zalú und zu vielen anderen Projekten gleichzeitig.

9 Kommentare zu „Die Offene Runde: Die Gilde und Status“

  1. Ich habe das zweimal in Angriff gekommen. Zum einen in einer Swords&Sorcery-Kampagne, in welcher die SC nur XP für audgegebenes Gold erhalten hatten. Dadurch haben sie sehr viel mit ihrer Umwelt und insbesondere mit ihrem Dorf interagiert und dieses ausgebaut. Es erdet und verankert die Figuren in ihrer Welt, gibt ihnen Wurzeln und Flügel zugleich.

    Status kenne ich hauptsächlich aus Kingmaker und Blades, sowie der Zeitgeist-Kampagne.

    Für eine längere Kampagne, insbesondere Sandbox, halte ich beide Punkte für extrem wichtig und richtig.

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  2. Das Heimatdorf ausbauen halte ich auch für eine interessante Variante, die ich aber noch nicht umgesetzt habe. Crows, das neue MCDM-Spiel, hat dafür eine eigene Mechanik.

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  3. Als klasse Inspiration kann ich jedem dazu die Lektüre des Regelwerks zu KINGDOM DEATH MONSTER empfehlen. Also Aufbau eines Dorfes / eines Stammes / einer Kultur. Musste ich grad dran denken.

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  4. Meinst du das Spiel, das gerade für 444 $ verkauft wird und 9 Kilo wiegt? War mir bislang nicht bekannt. Mal sehen, ob ich irgendwo noch einen Goldsack im Schrank finde.

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  5. Der Preis ist tatsächlich mehr als unerfreulich, gerade weil es sich nur um das Grundspiel handelt. Dennoch, Regelwerk in die Hand bekommt, ist es ein Blick wert. Im Grunde geht es darum, dass du bald einer, z.B oder das erste Mal die Geburt eines Kindes – jedes Mal wenn die Spielgruppe sich für einen von zwei Pfaden entscheiden, wie man zukünftig mit solchen Ereignissen umgeht sehr spannend und variabel. Für eine Rollenspiel aber auch einige sehen mit Sicherheit ausschlachten.

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  6. In meiner Kampagne haben die Spielenden ein „Gildenhaus“. Auf einen anderen Namen oder einen Namen der Gruppierung konnte man sich bisher nicht einigen, weshalb man in der Stadt immernoch von „denen vom Gildenhaus“ spricht.

    Das mit dem Status und den Start-XP ist eine unglaublich gute Idee. Danke für’s Teilen.

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  7. Ja, genau. Bisher habe ich kein Statussystem, ich handhabe den Ruf der Gruppe einfach nach der Stufe der Figuren. Bisher habe ich keinen Sinn darin gesehen, da ein spezielles System auszuarbeiten. Das an die Start-XP zu koppeln (in Verbindung mit dem Investment) finde ich aber echt gut. Ich glaube, dass ich trotzdem bei „Start auf Stufe 1“ bleiben werde, aber es bleibt auf jeden Fall im Hinterkopf.
    Die Stufenschere ist bei mir aber auch erst bei 1-5, das ist noch überschaubar.

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